Von Uwe Nettelbeck

Ein Zug fährt ab, Dampf und großes Getöse, eine Nonne winkt, im Waggon drängen sich kleine Mädchen und sitzen ein Mann, der Zahnweh hat, und einer, der Daniel heißt, Zoowärter ist, hin und wieder aufschluchzt, von seiner Frau begleitet wird und ihr und sich von seinem letzten Geld die Fahrkarten gekauft hat. Ein Käfer wird begossen, der Zug fährt ab. Er fährt aber nur um die Ecke, drei Spielzeugeisenbahnwindungen weit, über eine altmodische Brücke, von Krummbach in ein Nest am Meer. Auf dem letzten Wagen des Zuges wackelt eine seltsame Fracht, eine Kiste, halb Sarg, halb Wohnwagen, ein Ding mit verhängten Fensterchen und riesigen Rädern. Es gehört Daniel, sein Inhalt soll ins Meer geworfen werden. Dora, Daniels Frau, sagt: "Sie kommt auf keinen Fall wieder mit zurück. Und jetzt wollen wir diese widerliche Angelegenheit so erledigen, wie es geplant war."

Unter der Brücke, über die der Zug zuckelt, schwimmt ein Boot, im Boot sitzt der alte, zahnlückige Victor. Er nimmt seine Flinte und feuert in die Luft, ein Hackmesser köpft blitzschnell einen Fisch. Victor verwaltet zusammen mit seiner Frau die Pension "Zur Nachtigall" in jenem Nest am Meer. Dorthin wenden sich Daniel und Dora mit ihrer Kiste. Der Mädchenschwarm zieht seines Weges, die Nonne winkt noch einmal, Unheimliches bereitet sich vor.

So beginnt Peter Lilienthals Fernsehfilm "Seraphine oder Die wundersame Geschichte der Tante Flora", den der Sender Freies Berlin in der vergangenen Woche uraufgeführt hat. Es ist also ein deutscher Film, von dem zu reden ist; daß er nach einer englischen Vorlage entstand – einem Gebrauchsstück, das"Little Doris" heißt – kann man vergessen; von David Perry, seinem Autor, ist bei Lilienthal nicht viel geblieben.

Auf Peter Lilienthal setzen schon seit ein paar Jahren alle, die es noch nicht aufgegeben haben, auf eine bessere Zukunft des deutschen Films zu hoffen; seit "Seraphine" bin ich sicher: Wenn Peter Lilienthal sich entschließt und die Zeit findet, einen abendfüllenden Spielfilm zu versuchen, werden wir einen westdeutschen Film haben, der sich sehen lassen kann.

"Seraphine" ist kein Debüt, seit 1960 ist Peter Lilienthal dabei, Fernsehfilme zu drehen. Er ist 1929 in Berlin geboren; als Zehnjähriger emigrierte er nach Uruguay und blieb dort bis zum Jahre 1954 (Gymnasium, Studium der Kunstgeschichte). Die weiteren Stationen: die Hochschule für Bildende Künste in Berlin, 1959 ein Posten, als Regieassistent beim Südwestfunk in Baden-Baden, seit 1961 Regisseur am selben Sender. Im letzten Jahr kehrte Lilienthal nach neun Fernsehfilmen dem Südwestfunk den Rücken, ging zurück nach Berlin und machte "Seraphine". Er hat zweimal Arrabal verfilmt (1962 "Picknick im Felde", 1963 "Jede Stunde verletzt und die letzte tötet", ein Film, den der Südwestfunk aus unbegreiflichen Gründen nicht gesendet hat – ich habe ihn beim Experimentalfilmfestival in Knokke sehen können) und zweimal Slawomir Mrozek (1962 "Striptease", 1964 "Das Martyrium des Peter O’Hey" – dafür hat er einen Berliner Kunstpreis bekommen). Das deutet an, welche Stoffe Lilienthal bevorzugt: groteske, satirische, makaber-düstere.

Es ist aber nicht nur eine literarische Tradition, der er verpflichtet ist: In "Jede Stunde verletzt und die letzte tötet" zitiert er Buñuels berühmten Dokumentarfilm "Las Hurdes"; er hat in einem Interview gesagt, daß ihn Bressons Filme inspiriert hätten, selber Filme zu machen; er schätzt Godard; daß er Jean Vigo kennt, sieht man. Und schließlich finden sich über die Trickfilme Jan Lenicas noch Beziehungen zur Bildenden Kunst: "Seraphine" hat in manchen Passagen jene gewisse Stimmung, die wir aus Max Ernsts Collagen kennen. Das ergibt ein würdiges Koordinatensystem.