Die jüngste Premiere der Hamburgischen Staatsoper hatte mich neugierig auf Stuttgart gemacht. Beide Bühnen wollten im Abstand von acht Tagen „Die Heimkehr des Odysseus“ von Claudio Monteverdi herausbringen. Der Hamburger Aufführung lag die musikalische Einrichtung von Erich Kraack zugrunde. Seit der Wuppertaler Monteverdi-Woche vom April 1962 sind mehrere große Bühnen auf Kraacks modernisierende Instrumentation eingegangen, weil unter bewußtem Verzicht auf Authentizität weder historische Musikinstrumente herbeigeschafft werden müssen noch dem Publikum ein „musealer“ Klang zugemutet wird. Wer Monteverdi aus der Konzertpraxis kennt, kann trotzdem Bedenken gegen den vollstimmigen Streichersatz des Bratschers Kraack, gegen seine Bläserbesetzung und den Ersatz der alten Zupfinstrumente durch moderne Harfen nicht unterdrücken. Das alles ist zu schön, um wahr zu wirken.

Hamburg verfügte für die originale Gesangsmelodik vor allem in Ernst Haefliger (Odysseus) über einen Tenor, der sich früher schon auf derselben Bühne, allerdings in der interessanteren Göhrschen Einrichtung von Monteverdis „Krönung der Poppäa“, als vorbildlich stilkundiger Sänger bewiesen hatte. Da der Dirigent Albert Bittner kein rechtes Verhältnis zu der taktstrichfreien Musik finden konnte, wirkte das Unternehmen als Ganzes hauptsächlich als Anlaß für eine Meisterinszenierung von Günther Rennert.

Stuttgart versprach einen interessanten Vergleich. Die Württembergische Staatsoper benutzte die (seit 1942 bekannte) musikalische Bearbeitung von Luigi Dallapiccola. Außerdem hatte man dort die Mühe nicht gescheut, eine deutsche Textfassung zu erarbeiten. Dabei sind auch jene opernhaft mythologischen Szenen, die von Rennert wie von Dallapiccola gestrichen waren, wieder eingefügt worden. Inszeniert wurde der „Odysseus“ in Stuttgart von dem Rennert-Schüler Ernst Poettgen, als Gast sollte Hans Georg Ratjen dirigieren, der in Wuppertal alle Monteverdi-Opern à la Kraack interpretiert hatte.

Die Rechnung ging nicht auf. Am Premierentage sagten zwei Sänger wegen Krankheit ab. Mittags, als die zureisenden Kritiker längst unterwegs waren, setzte die Stuttgarter Generalintendanz ihren Monteverdi ab.

Noch wollte ich den Abend nicht verloren geben. Auch die „Komödie im Marquardt“ hatte Premiere: In einem Kriminallustspiel „Streng geheim“ von Arthur Watkin spielte Joachim Teege die Hauptrolle. Ein vorzüglicher Darsteller kauziger Figuren, ein ausgekochter Krimi als Stück und eine Privatbühne, auf der schon manchmal geschliffenes Boulevardtheater zu sehen war – das sollte wohl einen Dreiklang vergnüglichen Trostes ergeben. Doch ein Unglück kommt selten allein. Zehn Männer neben Teege – das war zuviel für den regieführenden Hausherrn Bertold Sakmann. Er ließ sogar seinen Star unter Niveau gehen und schlimmste Klamotte mimen. Schwamm über den Rest! Über Stuttgarts Theaterpremieren stand am 18. März ein Unstern. Johannes Jacobi