Heinz Josef Varein: Parteien und Verbände; Westdeutscher Verlag, Köln und Opladen, 1964; 335 Seiten, 54,– DM.

Die Beziehungen zwischen Parteien und Verbänden sind seit langem ein Standardthema unserer politischen Literatur. Nur wenige Arbeiten stützen sich jedoch auf eine genauere Untersuchung des tatsächlichen Geschehens in den großen Organisationen. Varein hat diesen Versuch in den Grenzen des Landes Schleswig-Holstein unternommen. Bei der Durchsicht seines umfangreichen Materials erfährt man Bemerkenswertes. Die Kirchen (in Schleswig-Holstein auf Grund der konfessionellen Struktur vor allem die evangelische Kirche) rechnet er zu den Verbänden. Die Schwierigkeit in den Beziehungen der Kirchen zu den Parteien sieht Verein darin, daß die Parteien allzu geneigt seien, kirchliche Unterstützung nur für die eigenen Absichten in der Öffentlichkeit zu suchen. Die Kirchen wiederum hätten den Willen der Parteien zur Annäherung und zum Gespräch nicht brüskieren dürfen, andererseits aber die Gefahr vermeiden müssen, sich für parteipolitische Ziele einspannen zu lassen. Dieser zweifachen Gefährdung sei die Evangelisch-Lutherische Landeskirche im Norden der Bundesrepublik nur um den Preis entgangen, daß sie in der Öffentlichkeit wenig prägend erscheinen konnte. Welcher gelegentliche Teilnehmer an kirchlichen Debatten über politische Fragen muß diesen Eindruck nicht bestätigen?

Ganz allgemein vermutet Varein bei wirtschaftlich oder sozial orientierten Verbänden das Leitbild einer berufsständischen Ordnung. Ferner sei die Bürokratisierung der Verbände unverkennbar. An die Stelle der Teilnahme der Mitglieder trete die Teilhabe der Verbandshierarchien an der Politik. Offenkundig sei die Verschränkung von Parteien und Verbänden insbesondere bei der christlich-demokratischen Führungsgruppe in Schleswig-Holstein. Aus einem lockeren Honoratiorenkreis habe sich die Führung der Kieler Regierungspartei zu einem stabilisierten Management entwickelt, in dessen lahmen die Angehörigen der Verbandshierarchien ihren speziellen Wünschen mit Rat und Tat Nachdruck verleihen.

Varein zögert, die Sozialdemokratie im Gejensatz zu der Christlichen Demokratie als Mitgliederpartei zu beschreiben. Sie erscheint ihm eher als eine „Organisationspartei“. Zwei Drittel ihrer Landtagsabgeordneten im Kieler Parlament hätten sich ihre Sporen in der Partei, in den Gewerkschaften oder im Kommunaldienst ervorben. Das innerparteiliche Leben der Sozialdemokratie gelte noch entscheidend als Feld der Bewährung für Aufstieg und Verdienst.

Die soziologische Zusammensetzung der Landtage in anderen Bundesländern und die des Bundestages verstärken den Eindruck, den Varein in Schleswig-Holstein bei seiner Analyse der Führungsauswahl in den großen Parteien gewonnen hat: Der Modus procedendi bei der Nominierung von Parlamentskandidaten kommt der Arbeitsfähigkeit der Volksvertretungen nicht durchweg zugute. Aber das wird man wohl erst neu bedenken und vielleicht ändern, wenn einmal allgemeine Klarheit über die Funktionen besteht, die ein Parlament in einer entwickelten Industriegesellschaft überhaupt haben kann.

Der Leser braucht das Buch Vereins nicht ungetröstet aus der Hand zu legen: Immerhin unterscheide sich unsere Ordnung gegenüber ständischen, kastenmäßigen und ähnlichen Gesellschaften dadurch, daß es dem einzelnen möglich sei, „den Patron zu wechseln“. Es spricht für die nüchterne und distanzierte Aufmerksamkeit Vareins, daß er seinen Bericht mit diesem Hinweis und nicht mit einem farbenfrohen Schlußlicht enden läßt. Ihm geht es darum, „Möglichkeiten der Durchschaubarkeit und damit Ansätze zu einer auf Wissen begründeten Kritik zu geben. Sie soll dazu verhelfen, den sozialen Mächten den Nimbus der Anonymität, Rätselhaftigkeit und Unkontrollierbarkeit zu rehmen.“