Von Ossi Brucker

Um Englands „Nervenkitzel-Rennen“ wäre es unlängst fast geschehen. Die Veranstalterin der „Grand Liverpool Steeple Chase“, des schwersten Hindernisrennen der Welt, hielt es für nicht mehr rentabel. Die 74jährige Mrs. Mirabel Topkam, die ihre Karriere als Revuegirl begonnen hatte, später Schauspielerin gewesen war und die Pferderennbahn vor den Toren des Welthafens Liverpool seit 1940 betreibt, hatte offenbar die Lust verloren. Die Engländer indessen hatten Glück. Sie brauchten auf das aufregende Rennen nicht zu verzichten, seit Lord Harding es verhindert hat, daß die „Amazone von Aintree“ ihren Besitz für 900 000 Pfund an eine Baugesellschaft verkauft. Er brachte den Betrag aus anderen Quellen auf. Die „Grand-National-Tradition“ wird fortgeführt. Nächstes Rennen: am 27. März.

Diese Tradition begann im Jahre 1839, als Mister William Lynn in Aintree bei Liverpool eine Pferde-Hindernisstrecke über Hecken, Wassergräben und Ackerland hinweg mit Flaggen absteckte und ein paar Tage später mit einigen Pferdeliebhabern ein Rennen veranstaltete. Es bekam den Namen „Grand Liverpool Steeple Chase“. Im Laufe der Jahre wurde daraus das schwerste Hindernisrennen der Welt: Ein Steeple Chase, bei dem die Stürze Legion sind und die Zahl der reiterlosen Pferde nach jedem Hindernis größer wird und schließlich nur ganz wenige auf schweißtriefenden Pferden das Ziel erreichen.

An der Art der Hindernisse, ihrer Vielzahl und ihrer Gefährlichkeit für Pferd und Reiter, hat sich bis heute kaum etwas geändert. Zu den ebenso gefürchteten wie halsbrecherischen Hindernissen dieses Schlachtfestes vor den Tribünen“ gehören der berüchtigte „Bechen’s Brook“, der „Canal Turn“, der „Valentinas’s Brook“ und die „Hürde an der scharfen Wende“; die zum Teil durch raffinierte Wassergräben über alle Maßen tückisch sind und für viele Reiter zur Endstation des Rennens werden.

Man könnte noch weitere Hindernisse aufzählen, um die sich viele Geschichten ranken. Zu einer der phantasievollsten zählt jene Geschichte aus dem Jahre 1904, in dem das Pferd Moifan von Neuseeland per Schiff nach England transportiert wurde und das Schiff unmittelbar vor der englischen Küste sank. Man konnte nichts anderes tun, als Moifan loslassen und ins Wasser stoßen. Das Pferd schwamm ans Ufer, ging in Aintree an den Start und siegte. Diese Story klingt nach einem schlechten Film-Sujet, doch sie ist wahr.

So wie in allen, Sportarten gibt es auch in diesem schwersten Hindernisrennen Ausnahmeerscheinungen. Zu ihnen gehört zweifellos das Pferd Cloister, das 1893 ein Gewicht von 175 Pfund zu tragen hatte und trotz alledem mit 40 Längen Vorsprung in 9 Minuten, 4,2 Sekunden gewann. Nicht vergessen darf man auch den Weltklasse-Steepler „Golden Milden“, der 1934 den Streckenrekord von 9:20,4 Minuten aufstellte.

Auch das unbedeutende Pferd kann in Aintree zum Helden des Tages werden. So gewann vor mehr als 50 Jahren ein Pferd namens Glenside, das auf einem Auge blind war. Überraschungen sind hier an der Tagesordnung. 1936 ging ein Pferd der Königsmutter mit klarem Vorsprung in die Zielgerade, alles glaubte an den ersten königlichen Sieg seit 1900, aber 45 Meter vor dem Ziel brach das Pferd mit dem Namen „Devon Loch zusammen und kam nicht mehr hoch.