Wir müssen noch mehr ausländische Touristen in unser Land holen und dabei auch Verständnis für die deutsche Lage zu wecken versuchen; es ist doch besser, zahlende Fremde in der Bundesrepublik zu haben als nur solche, die Entwicklungshilfe abholen. Dies fordert in seinem kleinen Zwei-Mann-Zimmer im Altbau des Bundestags zu Bonn der 54jährige SPD-Volksvertreter Wolfgang Schwabe, Regierungsdirektor aus Hessen. Schwabe ist Initiator und Vorsitzender des im Januar 1964 gegründeten „Deutschen Parlamentarierkreises Fremdenverkehr“, einer losen Verbindung von 150 Abgeordneten des Bundestages und der Parlamente der Länder.

Selbst in diesem Gremium ist der Parteiproporz gewahrt: Schwabes Stellvertreter sind des CSU-Bundestagsabgeordnete Dr. Brenck und der FDP-Abgeordnete Spitzmüller; sie kommen aus den Fremdenverkehrsgebieten Bayern und Baden-Württemberg.

In Ziel und Arbeit sind sich die Mitglieder des Parlamentarierkreises, der sich der „Interparlamentarischen Vereinigung für Tourismus“ angeschlossen hat, zum Glück einig. Die Abgeordneten wollen, daß die Zuschüsse für die Fremdenverkehrswerbung im Ausland und die Anziehungskraft der Bundesrepublik für ausländische Touristen erhöht wird. Anlaß zu dieser Anstrengung ist vor allem die Reisebilanz des Jahres 1963: 4,5 Milliarden Mark flossen über denFremdenverkehr ins Ausland, und nur 2,5 Milliarden Mark wurden von Ausländern in Westdeutschland ausgegeben.

Aus dem Etat des Verkehrsministeriums zahlt der Bund jährlich neun Millionen Mark für Fremdenverkehrswerbung im Ausland. Die Deutsche Zentrale für Fremdenverkehr in Frankfurt unterhält vierzehn Filialen in anderen Staaten, wo – ohne kommerzielle Betätigung – diese Mittel ausgegeben werden, um Ost- und Nordsee, Allgäu und Schwarzwald, Alpen und Harz der fremdländischen Bevölkerung nahezubringen. Die Bundesländer, Städte und Gemeinden liefern ihrerseits Filme, Prospekte und Einladungen zu Sonderveranstaltungen.

Die Abgeordneten des Fremdenverkehrskreises stellten bei Visiten im Ausland – so in London, Paris und Montreal – fest, daß die deutschen Werbeniederlassungen mit detaillierten und umfangreichen Anfragen geradezu überhäuft werden. Ständig werden Erkundigungen nach Landschaften, Städten, Hotels, Verkehrsverbindungen oder Sport- und Spielmöglichkeiten beantwortet. Um solche Wünsche, denen dann oft Reisebuchungen nach Deutschland folgen, schnell, zugkräftig und individuell beantworten zu können, bedarf es eines Aufwandes, der höher liegt als die neun Millionen Mark. Schwabe weiß, daß viele Staaten ein Mehrfaches dieser Summe für die Werbung im Ausland aufwenden.

Die Anpreisung bundesrepublikanischer Urlaubsgefilde im Ausland wird neuerdings vor allem von Ostblockstaaten erschwert, die attraktive Reisen zu Dumping-Preisen offerieren. In Skandinavien zum Beispiel können Wochenendreisen nach Leningrad für nur hundert Mark gebucht werden. Schwabe begrüßt zwar die Möglichkeit, daß westdeutsche Bürger in Bulgarien oder Ungarn Ferien machen können, möchte aber gern „Freizügigkeit und Gegenläufigkeit“ auch jenseits des Eisernen Vorhangs verwirklicht sehen. Der Parlamentarierkreis will nicht zuletzt unter dem Motto wirken: „Der Tourismus geht der Diplomatie voran.“

Dabei erinnert Schwabe an das unlängst so vieldiskutierte „Memorandum“ seines Parteivorsitzenden Willy Brandt „Über Beziehungen zu osteuropäischen Staaten und Völkern“, in dem auch der Fremdenverkehr eine Rolle spiele. Tatsächlich machte Brandt in seinem für das US-Außenministerium verfertigten Referat Vorschläge, die in der Öffentlichkeit kaum wiedergegeben wurden: „Über die sinnvolle Tätigkeit von Reisebüros hinaus – allerdings nicht für gesteuerte Propagandareisen – könnte unter Mitwirkung der entsprechenden Einrichtungen und Verbände eine Förderung des Sozialtourismus ins Auge gefaßt werden, und zwar mit Selbstverwaltung für die Austauschgruppen. Die Träger der Heilfürsorge könnten außerdem in Aussicht nehmen, die gegenseitige Benutzung ihrer Einrichtungen in Kur- und Erholungsorten zu vereinbaren.“