Von Karl Heinz Janßen

Die SED hatte sich am Wochenende einen neuen Gag ausgedacht. Gerade als sich der Sonderbeauftragte Bundeskanzler Erhards, der Bundestagsabgeordnete Kurt Birrenbach, in Jerusalem für sein Schlußgespräch mit dem israelischen Ministerpräsidenten Levi Eschkol rüstete, verbreitete „Neues Deutschland“ die Nachricht, Birrenbach sei 1933 in die NSDAP und in die SA eingetreten. Doch anders als im Fall des Ludwigsburger Nazi-Verfolgers Schule lag das Störfeuer diesmal daneben. Birrenbach, damals noch Student, hatte schon 1934, als der verbrecherische Charakter des nationalsozialistischen Regimes unverhüllt zutage trat, sein Parteibuch aus Protest zurückgegeben. Sein Gesprächspartner Levi Eschkol wäre der letzte, der ihm jene kurzfristige Jugendsünde nicht nachsehen würde. Er weiß aus eigener Anschauung, wie die Nationalsozialisten es anfingen, den Idealismus der deutschen Jugend für ihre Ziele zu mißbrauchen.

In jenen Jahren nämlich leitete Eschkol in Berlin ein Büro, das den Vermögenstransfer der jüdischen Auswanderer aus Deutschland übernommen hatte. Ebenso wenig wie der junge Birrenbach hat sich Eschkol damals vorstellen können, daß die Judenprogrome, die gleich nach der nationalsozialistischen Machtübernahme einsetzten, eines Tages mit Auschwitz enden würden: „Hätte in den dreißiger Jahren jemand auch nur vor einem nichtigen Bruchteil der Katastrophe gewarnt, die das europäische Judentum während des Weltkrieges heimsuchte, die Besten unserer Freunde hätten gewiß nicht nur gesagt, daß wir übertreiben, sondern daß wir den Verstand verloren haben.“

Bauernsohn aus der Ukraine

Levi Eschkol hat aus dieser bitteren Erfahrung für sich den Schluß gezogen, daß man als Politiker den Anfängen wehren muß. Wer da meint, die Israelis übertrieben absichtlich die Gefahren, die ihnen von den Arabern oder den deutschen Raketenbastlern in Ägypten drohen, dem hält er ein entwaffnendes Argument entgegen: „Ein Volk, das erleiden mußte, was unser Volk erlitten hat, darf Verständnis besonderer Art verlangen.“ Dieses Sicherheitsbedürfnis, gepaart mit übergroßer Empfindlichkeit, ist in Israel besonders stark in der Pioniergeneration der Siebzigjährigen ausgeprägt, zu denen auch Levi Eschkol gehört.

Ebenso wie sein großer Vorgänger Ben Gurion entstammt der jetzige Regierungschef der Diaspora des zaristischen Rußlands, der Keimzelle der modernen zionistischen Bewegung. In ihrer Jugend haben jene Einwanderer aus Osteuropa unter heute kaum noch vorstellbaren Entbehrungen und in ständiger Gefahr mit ihrer Hände Arbeit die Fundamente des Staates Israel geschaffen, auf denen die folgenden Generationen weiterbauten. Die Sorge um den Bestand ihrer Schöpfung – diesem wunderbaren Gemisch aus demokratischem Fortschrittsglauben und messianischer Heilserwartung – läßt sie nachts kaum schlafen. Ungern nur überlassen sie die Zügel den Jüngeren, die nicht mehr fühlen, was ihre Väter und Großväter in den russischen Gettos beseelte, wenn sie am Gedenktag der Tempelzerstörung das uralte Zionslied des Jehuda Halevi anstimmten: „Selig, wer harrt, und erlebt’s, und schaut, wie aufgeht Dein Licht, dessen Strahlen die mächtigen Schatten durchschlagen.“

Die ungestillte Sehnsucht von Generationen Gläubiger nach dem gelobten Land trieb 1914 auch den neunzehnjährigen ukrainischen Bauernsohn Levi Eschkol auf die Wanderschaft. Sein geistiges Rüstzeug hatte er sich auf dem hebräischen Gymnasium in Wilna geholt. In Palästina teilte er dann als Landarbeiter das harte Brot der jüdischen Siedler; als Soldat der jüdischen Legion verteidigte er die Kibbuzim gegen Überfälle der arabischen Nachbarn. Früh wurden die jüdischen Arbeiterführer auf das Organisationstalent des jungen Einwanderers aufmerksam. Sie beriefen ihn als Sekretär in den Arbeiterrat von Tel Aviv, als Funktionär in die sozialistische Mapai-Partei und schickten ihn als Sprecher der Siedler auf viele zionistische Weltkongresse.