Als 1948 der Staat Israel aus der Taufe gehoben wurde, war Eschkol zu einem der fähigsten und welterfahrensten Politiker des Landes herangereift. Die Bürger hatten Vertrauen zu dem kleinen, unscheinbaren Mann, der die besten Jahre seines Lebens dem Aufbau der ländlichen Siedlungen gewidmet hatte, und wählten ihn zum ersten Landwirtschaftsminister.

Doch seine Bewährungszeit folgte erst in den zehn Jahren, in denen er das Finanzministerium verwaltete. Nationalökonomie hatte er zwar nie studiert, aber er brachte für sein Amt einen reichen Schatz praktischer Erfahrungen mit. Sie kamen ihm zustatten, als es galt, Hunderttausende von Einwanderern aus Europa, Asien und Afrika in den Steppen und Wüsten des kleinen, armen Landes anzusiedeln, als mit Hilfe amerikanischen Kapitals und deutscher Technik eine ganze Industrie aus dem Boden gestampft und Wüsten in blühende Gärten verwandelt werden mußten.

Lange stand Eschkol im Schatten Ben Gurions, des "grand old man". Erst im Dezember 1964 konnte er sich – durch vorübergehenden Rücktritt – von dem Einfluß des mächtigen Parteifreundes freimachen. Eschkol erscheint auf den ersten Blick viel farbloser als der vor Temperament sprühende, ideenreiche Ben Gurion, aber in seiner Politik ist er wesentlich flexibler und konzilianter als jener. Ben Gurion liebte die einsamen Entschlüsse und folgte plötzlichen Eingebungen, die er dann entschlossen in die Tat umsetzte. Levi Eschkol bevorzugt das ausgleichende Gespräch und die sorgfältige Analyse. Er will erst die Meinung der anderen kennenlernen, ehe er handelt. Dennoch wäre es weit gefehlt, ihn für die israelische Ausgabe Ludwig Erhards zu halten. Der Regierungsstil in Jerusalem hat sich geändert, aber der feste Wille an der Spitze ist geblieben. Eschkol ist eine Kompromißnatur: beredsam, zäh, verbindlich und um taktische Finessen nicht verlegen.

Über seinem faltenreichen Gesicht liegt gewöhnlich ein feierlicher Ernst, Ausdruck einer natürlich gewachsenen Würde. Hinter großen Brillengläsern schauen ruhig abschätzende Augen hervor, die nicht ohne Güte sind. Schmale Lippen verleihen dem Gesicht einen entschlossenen Zug, während zwei tiefe Längsfalten, die sich zu beiden Seiten des Mundes hinabziehen, etwas von der Skepsis, aber auch dem überlegenen Humor eines Weisen ahnen lassen. Für einen guten jüdischen Witz hat Eschkol immer ein Ohr, der Ernst weicht dann einem genüßlichen Schmunzeln.

Die beherrschte Zurückhaltung, die seine äußere Erscheinung auszeichnet, bestimmt auch seine kühl durchdachten Reden. Sachliche Nüchternheit schätzt er mehr als donnerndes Pathos. Beispielhaft dafür war die Rede, mit der er in der Knesseth den Entschluß begründete, diplomatische Beziehungen mit Bonn aufzunehmen. Ohne viel Aufhebens übersprang er die Schatten der Vergangenheit, reichte er über die Gräber von sechs. Millionen Ermordeten hinweg dem Volke der Hitler, Streicher, Heydrich und Eichmann die Hand.

Allerdings riskierte er politisch nichts, als er den Kabinettsbeschluß dem Parlament zur Abstimmung vorlegte. Nur eine fanatische Minderheit sträubte sich noch gegen das Unvermeidliche. Eschkols staatsmännisches Format erwies sich vielmehr daran, daß er es verschmähte, das deutsche Angebot auszuschlagen, weil es eher aus Groll über den Flirt Nassers mit Ulbricht als aus ehrlichem Willen zur Versöhnung geboren schien.

Es wäre nur zu verständlich gewesen, wenn Israel diesmal der Bundesrepublik einen Korb gegeben hätte, nachdem es jahrelang auf diesen Schritt hatte warten müssen. Länger als ein Jahr hatte Israel vergeblich gegen die Anwesenheit deutscher Raketenforscher in Ägypten protestiert. Ein halbes Jahr mußten jüdische Organisationen in der ganzen Welt Sturm laufen, ehe die Bundesregierung dem Parlament indirekt den Rat gab, die Verjährungsfrist für NS-Verbrecher zu verlängern. Grund genug also für die israelische Regierung, die Gesinnung und die Sühnebereitschaft der Bundesregierung und des deutschen Volkes anzuzweifeln.