Ein Sieg der Staatsraison

Dennoch zögerte Eschkol keinen Moment, die Gunst der Stunde zu nutzen und die drohende Isolierung zu überwinden. Er hat vor der Knesseth, dem israelischen Parlament, nicht verhehlt, für wie wertvoll und wichtig er es erachte, die Bundesrepublik eindeutig auf die Freundschaft mit Israel festzulegen und sie damit in den Augen der Araber zu kompromittieren. Die Bundesrepublik Deutschland – das ist nicht nur der Nachfolgestaat des Dritten Reiches, das ist auch die drittgrößte Industrienation der Welt, der stärkste Verbündete der NATO in Europa und der kräftigste Partner der EWG, mit der sich Israel noch enger verbinden möchte. "Wir sind bestrebt", sagte Eschkol, "die Position Israels in dem Geflecht des neuen Europas zu stärken."

Darum entschied er sich in dem "Zwiespalt zwischen Gefühl und Gedanken" für den Kopf und gegen das Herz. Darum begründete er die neue Verbindung mit Deutschland einzig mit dem Gebot der Staatsräson. Israel, eine Insel inmitten eines ungeheuren Meeres von Feinden, die Heimstitte der Überlebenden eines versprengten und zerschlagenen Volkes, muß nach seinem Willen jede Gelegenheit ergreifen, seine "Feinde zu sclwächen und ein starkes Fundament für den Fortbestand des jüdischen Volkes zu sichern".

Von dieser Maxime wird sich der Premierminister auch künftig leiten lassen. Eifersüchtig wird er darüber wachen, daß die Jugend das Erbe seiner Generation nicht veruntreut, daß auch sie sich Zion stündlich neu erwerben und erkämpfen muß, um es zu besitzen. Allzeit wird sie seiner Mahnung eingedenk sein müssen: "Wehe uns, wenn wir uns der Gleichgültigkeit hingeben."