Von Thilo Koch

Es ist still geworden um ihn. Jünger und Benn und Brecht – nach „45“ gehörten sie in die erste Reihe der großen Anreger, die es nachzuholen, neu zu entdecken, neu zu bestreiten, neu zu lobpreisen galt. Benn und Brecht starben 1956, der eine in Westberlin, der andere in Ostberlin. Benn war neun Jahre älter, Brecht drei Jahre jünger als Jünger – alle drei kamen sie noch aus dem vorigen Jahrhundert in unseres, dessen deutsche Literatur sie mitformulierten.

Regen sie den deutschen Leser 1965 noch auf, die drei Autoren, die in den zwanziger und dreißiger Jahren Furore machten, in den dreißigern und vierzigern auf sehr unterschiedliche Weise in Gegensatz zum politischen Marschtritt ihres Volkes gerieten und in den vierzigern und fünfzigern ihren großen Durchbruch hatten? Wer wird sie lesen, die zehn blauen Bücher der Ernst-Jünger-Werkausgabe, die der Ernst Klett Verlag in Stuttgart rechtzeitig und treusorgend zum Siebzigsten abgeschlossen vorlegt?

In der Oberförsterei des kleinen Ortes Wilfingen hinter Sigmaringen im Baden-Württembergischen darf Ernst Jünger zum 29. März beträchtlicher Ehrungen gewärtig sein. 1895 wurde er in Heidelberg als Sohn eines Apothekers geboren, lebte später in Nord- und Mitteldeutschland und am Bodensee in Überlingen, wo jetzt sein Bruder Friedrich Georg wohnt.

Die letzten zehn Jahre, so schreibt Ernst Jünger im Nachwort des zehnten Bandes seiner Werkausgabe, waren von der Einrichtung und Herausgabe dieser Edition in Anspruch genommen. Niemand wird einem Autor die Befriedigung mißgönnen, am 70. Geburtstag auf ein so sorgfältig geordnetes, so repräsentabel gedrucktes Oeuvre zurückblicken zu können.

Gleichwohl mag dieser kühle Beobachter seiner Epoche selber fühlen, daß seine Schriften heftiger umstritten waren, als wir sie noch in billiger Broschur oder gar, wie die Schrift über den Frieden, in hektographierten Abzügen mit uns herumtrugen. Zumal Jüngers erstaunliche Wirkung in Frankreich während der ersten Nachkriegsjahre lag vor der Zeit der eingebrachten Ernte.

Es ist still geworden um ihn, obwohl er eine Zeitschrift „Antaios“ herausgibt und mit einigen seiner magisch-realistischen Zeitdiagnosen noch immer zu den faszinierendsten Formulierern der „Lage“ zählt. Freilich, die Lage des Arbeiters ist so nicht mehr gegeben, und in den sechziger Jahren scheint keine besondere Empfänglichkeit für die prätentiösen Mystifizierungen des Erzählers Ernst Jünger vorzuliegen.