Von Heinz Josef Herbort

Wir müssen uns bemühen, anspruchsvolle Hörer für anspruchsvolle neue Musik heranzubilden“, heißt es im Bulletin des Musikrates der DDR zu den Grundaufgaben sozialistischer Kulturpolitik. Dieses Ziel scheint noch gesamtdeutsch, auch für den Generalmusikdirektor oder den Komponisten in der Bundesrepublik verbindlich. Bei näherer Definition des Zieles beginnt jedoch die deutsche Teilung hörbar zu werden, wenn nämlich die Antwort zu geben ist auf die Frage: Was ist das, „neue Musik“?

Der hiesige Generalmusikdirektor zeigt seine Meinung vor in seinen Programmen; der Komponist erklärt sich in Darmstadt bei den Ferienkursen oder in Donaueschingen. Neue Musik reicht hier eben – grob gesagt – von Debussy bis zu Henze und Stockhausen.

In Ostberlin veranstaltete in der vergangenen Woche – wie bereits seit dreizehn Jahren in zwei- bis vierjährigem Turnus – der Verband Deutscher Komponisten und Musikwissenschaftler sieben „Festtage zeitgenössischer Musik“. Und ein westlicher Besucher, der nicht laufend im Deutschlandsender die Sendereihe „Zeitgenössische deutsche Sinfonik“ gehört hat, hätte zunächst seinen Ohren nicht getraut. Obwohl die jungen Komponisten kaum älter als dreißig sind, obwohl ihre Werke zum Teil aus dem Jahre 1964 stammen: hier reicht die zeitgenössische Musik von – wiederum grob gesprochen – Richard Strauss bis zu Prokofiew, Schostakowitsch und Bartok. Die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel.

Zehn Konzerte an sieben Tagen. Dazu öffnete der um seine zwei Gäste aus der Bundesrepublik aufrichtig bemühte Komponistenverband bereitwilligst sein umfangreiches Band- und Plattenarchiv.

Sie haben vieles dort mitgeschnitten, auch die jüngste westliche Avantgarde. Sie sammeln Partituren, wo sie nur können, stellen ihren Mitgliedern das Material „zum Studium“ zur Verfügung. Ins eigene Schaffen übernommen wurde jedoch bisher fast gar nichts. Hier und da ein paar modern-westliche Andeutungen, Zwölftontechnik haben sie alle studiert, haben darüber Bücher gelesen, Partituren analysiert – sie selber kommen immer wieder auf ein tonales Klangbild zurück (von, wiederum, ein paar Ausnahmen abgesehen). Der Pole Lutoslawski ist ihnen mit einer „Trauermusik für Bartok“ sehr weit voraus.

Der westliche Besucher hat Gelegenheit, offen und lange zu diskutieren mit Komponisten, Kritikern und Funktionären. Schnell stellt sich ein erster grundsätzlicher Unterschied heraus: Der Besucher aus der Bundesrepublik fragt, während er das Neue hört, danach, wie es gemacht ist, fragt nach der Technik, nach den Mitteln, nach Spontaneität und Vitalität. Sein Gegenüber aus der DDR fragt nach, dem Was, fragt nach Ziel und Aufgabe Seiner Musik, fragt danach, was er beim Hörer bewirken will und wie er die beabsichtigte Wirkung am besten erreicht; fragt auch nach dem, was ausgedrückt wird und werden soll; Inhalt steht im Vordergrund, nicht Form. Auch hier scheint Einmütigkeit unter den Befragten – und wieder gibt es einige Ausnahmen, die längst nicht mehr zurückhalten mit ihrer Opposition.