Viele Jahre hindurch haben Politiker und Wirtschaftler im Westen darüber gestritten, ob eine Ausweitung des Handels mit dem Osten den Sowjets oder der freien Welt mehr nützt. Gegen die Verfechter der These, jede gelieferte Maschine und jede Schiffsladung Weizen stelle eine Stärkung des kommunistischen Wirtschaftspotentials auf Kosten des Westens dar, standen die Anhänger einer „aktiven Osthandelspolitik“. mit ihrer Überzeugung, die Verstärkung der Wirtschaftsbeziehungen sei die denkbar beste Unterstützung der Tendenzen zur Liberalisierung innerhalb des Ostblocks.

Die Auseinandersetzungen über diese Frage sind hierzulande zeitweise mit besonderer Erbitterung geführt worden – was mit dazu beigetragen haben mag, daß man in Bonn lange, sehr lange, gezögert hat, Konsequenzen daraus zu ziehen, daß dieser Streit gegenstandslos geworden ist. Eine Drosselung des Ost-West-Handels oder gar eine Art Wirtschaftsblockade würde eine einheitliche Haltung der großen westlichen Industriestaaten voraussetzen – und davon kann heute keine Rede mehr sein, sofern diese Bedingung überhaupt je erfüllt war. Es ist also müßig, weiter darüber zu rechten, ob eine derartige Fortsetzung des kalten Krieges mit anderen Mitteln politisch überhaupt zu verantworten gewesen wäre.

Die Entscheidung ist inzwischen gefallen. Von Beschränkung spricht heute niemand mehr, im Gegenteil: der Wettlauf um das Geschäft mit dem Osten ist in vollem Gang,

Den Anfang machten die Briten, die eine Chance für ihre darniederliegenden Exportindustrien sahen. Um Aufträge aus der Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten zu erhalten, gewährten sie Kredite bis zu einer Laufzeit von 15 Jahren. Ihnen folgten die Italiener und schließlich auch die Franzosen.

Die Bundesrepublik hatte gar keine andere Wahl, als ihren westlichen Partnerländern auf diesem Weg zu folgen. Zwar konnten wir unsere Stellung als bedeutendster Handelspartner des Ostens noch behauptet: wir haben 1964 für etwa 2,2 Milliarden Mark Waren in die Ostblockstaaten geliefert und etwa im gleichen Umfang von dort bezogen – mehr als jedes andere westliche Land; wobei der Interzonenhandel nicht mitgezählt ist. Aber die Kredit-Aktivität der anderen Staaten hätte zweifellos zu Einbußen auf diesen traditionellen Märkten der deutschen Industrie geführt. Der Osthandel ist im Augenblick für uns rein wirtschaftlich gesehen, bestimmt nicht lebensnotwendig (er beträgt nicht einmal 4 Prozent unseres gesamten Außenhandels), aber wir können uns aus politischen Gründen nicht aus diesem Markt selbst hinausmanövrieren.

Die Entscheidung, daß auch wir künftig in bestimmten Fällen Kredite bis zu 8 Jahren gewähren und die Sowjetunion nicht länger ausschließen, war also notwendig. Dennoch kann niemand glücklich bei „der Vorstellung sein, daß nun immer mehr westliche Länder mit immer längeren Krediten ihren Kampf um die Ostmärkte austragen. Schließlich müssen diese Darlehen eines Tages auch zurückgezahlt werden – und welche Probleme sich dabei mit Staatshandelsländern ergeben, wird immer dann erkennbar, wenn östliche Länder wieder einmal durch Dumping-Angebote auf dem Weltmarkt versuchen, dringend benötigte Devisen in die Hand zu bekommen. Auch die Tatsache, daß Bonn bereits für 20 Milliarden Mark Bürgschaften in aller Welt übernommen hat (für die im Notfall der Steuerzahler geradestehen müßte), wirkt nicht ermunternd.

Die Ausweitung des Osthandels ist gewiß eine gute Sache. Wir können auch nicht zusehen, wie wir dabei ins Hintertreffen geraten. Aber die Bundesrepublik sollte weiter alles daransetzen, um doch noch zu einer Einigung der großen Industrienationen des Westens über vernünftige Kreditfristen zu kommen.

Diether Stolze