Seit dem Herbst 1964 ist das Kursniveau der deutschen Aktien unter Schwankungen um rund 10 Prozent zurückgegangen. Lohnt es sich deshalb für den Aktiensparer, seine Bestände anzureichern, wie manche Banken unter Hinweis auf die guten Geschäftsergebnisse im abgelaufenen Jahr meinen? Oder haben jene Experten recht, welche die derzeitige Börsenschwäche nicht nur mit der Belastung durch politische Faktoren oder den Verkäufen deutscher Aktien aus amerikanischem Besitz erklären, sondern hierin die Vorwegnahme einer von ihnen erwarteten Rezessionsperiode sehen und die meisten Aktien, deren Wert sich ja nach den künftigen Erträgen richten sollte, auch heute noch für zu teuer halten?

Es befriedigt nicht, wenn in einer derartigen Situation lediglich mit Meinungen operiert wird. Deshalb soll hier der Versuch unternommen werden, an Hand von Kennziffern über die zu erwartende Ertragsentwicklung objektive Maßstäbe für die Preiswürdigkeitsprüfung zur Verfügung zu stellen.

Am anschaulichsten läßt sich eine derartige Prüfung durchführen, wenn errechnet wird, wie oft der erwartete Gewinn einer Geldanlage aufgewendet werden muß, um das betreffende Objekt zum derzeitigen Preis zu erwerben (Preis-Gewinn-Rate oder price-earning-ratio). Nach dieser Rechnung würde zum Beispiel ein heute zum Kurs von 95 Prozent erworbener 6prozentiger Pfandbrief mit etwa dem totgehen Gewinn bezahlt. (6 mal 16 = 96). Für ein Mietshaus, das der Kapitalanlage dient, wird bei einer Nettorendite von 6 Prozent heute im allgemeinen der 17 fache Gewinn bezahlt.

Wenn man diese Relationen zum Ausgangspunkt nimmt, können Spitzenwerte der Börse wie die Aktien der Großchemie und die Elektrowerte kaum mehr als billig angesehen werden. Denn sie kosten mehr als den 17- bis 18fachen Gewinn. Erklärbar sind ihre relativ hohen Kurse mit den Wachstumschancen, die beiden Branchen zugemessen werden. Für Aktien mit weniger breitem Markt dürfte unter den heutigen Umständen der 15- bis 16fache Gewinn, für sehr einseitig ausgerichtete oder stark konjunkturempfindliche Branchen (Auto- und Glasindustrie, Eisen- und Stahl) der 14- bis 15fache Gewinn ein angemessener Preis sein.

Grundlage der in unserer Tabelle enthaltenen Gewinnschätzungen sind die aus dem Ausweis der Steuern vom Einkommen, Ertrag und Vermögen abgeleiteten Gewinne. Zugrunde gelegt wurde die jeweils zuletzt veröffentlichte Bilanz. Bei den Gewinnangaben kann es sich nur um Annäherungswerte handeln, die jedoch immer noch einer Berechnung an Hand der Dividende vorzuziehen sind, weil auf diese Weise die über den Ertrag gebildeten stillen Reserven mit erfaßt werden. Sie können für die weitere Kursentwicklung von erheblicher Bedeutung sein.

Bei dem Versuch, die Gewinne des laufenden Geschäftsjahres voraus zu schätzen, wird davon ausgegangen, daß das Geschäftsjahr 1964/65 bzw. 1965 für die Unternehmen gegenüber dem abgelaufenen Jahr im allgemeinen keine wesentliche Gewinnsteigerung mehr bringen wird. Für diese Annahme sprechen die inzwischen eingetretener oder noch zu erwartenden Lohnerhöhungen, die teilweise geringere Zunahme der Auftragseingänge und der schwieriger werdende Export, der es nicht erlauben wird, überall die Mehrkosten auf die Preise abzuwälzen.

Trotz dieser negativen Faktoren erscheint von den Spitzenwerten Siemens noch nicht als zu teuer, AEG mit einer Preis-Gewinn-Rate von 14 sogar als preisgünstig. Deutlich unterbewertet sind die Großbanken mit Preis-Gewinn-Raten von 10. Bei Daimler mit einer Preis-Gewinn-Rate von 11 scheint sich niederzuschlagen, daß die Autobranche als besonders konjunkturempfindlich gilt. Aber selbst wenn dies gebührend berücksichtigt wird, erscheint die VW-Aktie mit einer Preis-Gewinn-Rate von 7,5 als unverständlich unterbewertet, es sei denn, man mißt der Stimmrechtsbeschränkung eine besondere Bedeutung zu. Deutlich fallen die spekulativ hochgereizten Werte wie NSU und GBAG (Gelsenkirchener Bergwerks-AG) aus dem Rahmen. Bei NSU spielt die Phantasie eine Rolle, die sich um die künftigen Ertragschancen des Wankel-Motors rankt, während im Kurs der GBAG-Aktie noch ein Rest von Erdgasphantasie vorhanden ist. Ähnliches gilt für Preussag.