Von Konrad Müller

In Kernkraftwerken mittlerer Größe, wie sie in Gundremmingen bei Ulm, in Lingen an der Ems und in Obrigheim am Neckar gebaut werden, ist ständig der elektrische Energiebedarf einer Großstadt für ein ganzes Jahr und mehr gespeichert. Aus dieser enormen Konzentration von Energie auf relativ kleinem Raum ergeben sich Gefahren, denen freilich durch Sicherheitsmaßnahmen begegnet wird. Doch werden immer wieder zwei Befürchtungen in der Öffentlichkeit laut: Können Reaktoren nicht die Atmosphäre mit radioaktiven Partikeln verseuchen und kann ein Reaktor eines Tages nicht doch einmal explodieren?

In New York haben Untersuchungen ergeben, daß die mit Kohle und Öl gefeuerten konventionellen Wärmekraftwerke unter bestimmten Umständen mehr radioaktive Partikel in die unteren Luftschichten entsenden als Atomkraftwerke gleicher Leistung. Hierbei ist nicht einmal berücksichtigt, daß Kohle- und Ölkraftwerke die Luft noch mit anderen gesundheitsschädlichen Substanzen verseuchen; Atomkraftwerke hingegen verursachen keine Luftverschmutzung. Außerdem ist die Ganzkörperbestrahlung für den einzelnen Menschen infolge der unvermeidlichen natürlichen Radioaktivität um mindestens den Faktor 100 größer als die Strahlenbelastung, die sich für ihn ergibt, wenn er in der Nähe eines Atomkraftwerkes lebt. Die Furcht vor Radioaktivität ist also unbegründet.

Wie verhält es sich aber mit der zweiten Befürchtung: Sind die Reaktoren heute wirklich so sicher und zuverlässig, wie es die Techniker und die Ingenieure immer wieder behaupten?

Statistische Erhebungen des amerikanischen National Safety Council ergaben, daß der Bergbau im Verhältnis zu allen anderen Industriezweigen in den USA pro Arbeitsstunde die höchste Invaliditätsrate aufweist. Im Gegensatz dazu ist die Atomindustrie eine der sichersten des Landes.

Nun läßt sich hiergegen das Argument ins Feld führen, daß eine solche Statistik täuscht, solange die Zahl der Atomkraftwerke verglichen mit der Zahl der Bergwerke noch sehr klein ist. Bislang hat es eben einen Reaktorunfall größeren Ausmaßes, der ja auch nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, noch nicht gegeben. Wie aber, wenn einmal zehn- oder hundertmal mehr Atomkraftwerke in Betrieb sein werden als heute? Muß man dann nicht mit gelegentlichen Reaktor-Katastrophen rechnen, und sind wir dann genügend darauf vorbereitet? Weiß man denn, wie sie sich auswirken würden?

Um das zu prüfen, bauen gegenwärtig Techniker der Philips Petroleum Company einen mittelgroßen Kernreaktor für 17,6 Millionen Dollar in der Nähe von Idaho-Falls (Idaho), der gleich nach seiner Fertigstellung im Frühjahr 1966 wieder zerstört werden soll. Die Zerstörung wollen die Techniker durch einen Bruch in einer Wasser-Kühlleitung des Reaktors – die wahrscheinlichste Ursache für einen Unfall – herbeiführen.