Von Alex Natan

Hans Bütow hat seiner Frage nach dem Verbleib des Gentleman (Die ZEIT Nr. 11/65 „Er küßt ohne Hut“) mit Recht ein Fragezeichen zugefügt. Wenn ich sentenziös wäre, möchte ich wohl die Antwort geben, daß er selbst der einzige Gentleman ist, den ich noch kenne. Dem Engländer bedeutet der Gentleman, wie Bütow so richtig beschrieben hat, eine Lebenshaltung, eine Philosophie empirischer Natur, eine Weltanschauung, die sich erst recht spät zum Export eignete.

Im Inselreich ist man heute vielfach der Ansicht, daß der Gentleman seit dem Beginn der sozialen Revolution im Aussterben begriffen sei, eine Feststellung, die in radikalen Kreisen bejaht, in konservativen Kreisen am liebsten geleugnet wird, wenn dies noch möglich wäre. Man lese den gegenwärtigen politischen Bestseller in England, das Buch der jungen Journalisten Howard und West: „The making of a Prime Minister“, um zu verstehen, wie hauchdünn das Vorspielen falscher Gentleman-Tatsachen geworden ist, hinter dem sich der unerbittliche und leidenschaftliche Kampf um die nackte Macht abspielt.

England ist ein Klassenstaat und der Begriff des Gentleman ein sehr auffälliges Produkt. Da sich die bislang herrschende Schicht durch ihre unverhüllte Anbetung plutokratischen Besitzes, durch ihren unbegrenzten Appetit nach Luxus und sozialen Privilegien definieren läßt, so wäre es leicht, in den Fehler zu verfallen, diesen Gentleman einer Klasse aufzuhalsen, die heute ihr öffentliches Dasein nur in teuren Magazinen und den gesellschaftlichen Klatschspalten der Presse führt. Wer ein englisches „Dolce vita“ mit viel Anmut und fettem Scheckbuch lebt, ist durchaus kein Gentleman. Ich habe einmal gelesen, daß der Ursprung einer gentlemanhaften Haltung im alten Athen zu finden wäre, da man dort der männlichen Jugend beigebracht hatte, tolerant, bescheiden und freimütig zu sein. Deshalb redet man auch heute noch besonders viel über die „Erziehung zum Gentleman“ in den englischen Internaten. Mir scheint es indessen höchst zweifelhaft, ob Kritias ein Gentleman und der so charmante Charmides das Vorbild eines modernen „Public-School-Schülers“ gewesen sind. Vom fragwürdigen Athen ins haltungssichere Rom ist nur ein antiker Schritt. Die römischen Ideale der „gravitas“ und „dignitas“ sind stoische Tugenden der Loyalität und Wahrhaftigkeit gewesen, die noch heute ihren Niederschlag im auffallenden Mangel an intellektueller Energie und in emotionaler Selbstkontrolle finden, durch die sich jener englische Schuljunge auszeichnete, der zu einem Gentleman in einem klassenstrukturierten Internat erzogen werden sollte.

Die Feudalzeit unterstrich die Tugenden der Loyalität und die Bereitschaft zum Dienst und machte obendrein unvermeidlich, daß der Gentleman zu einem guten Streiter mit der Waffe wurde. Mit dem muskulären Christentum eines Dr. Arnold aus Rugby kam aber der Begriff des „moralischen Ernstes“ in die Erziehung zum Gentleman, so daß ihre Spitzenprodukte unerträgliche christliche Gentlemen wurden, die sich fragwürdige Liedchen von den Traufen ihrer Dächer zuflöteten. Allerdings zeigte dieser neue Typ eine starke Abneigung, wenn nicht gar eine offene Verachtung für alle materiellen Werte. Hier erkennt man den Unterschied zwischen einem Gentleman und einem Angehörigen der regierenden Klasse.

Es ist die Vulgarität der „Neureichen“, die die Haltung des Gentleman unterminiert haben. Er gilt heute als „überflüssiger, sozialer Unfug“. Sein traditioneller Vorrat an Aufrichtigkeit, Selbstlosigkeit und Treue ist von den Gemeinplätzen der Reichen und der Verbitterung der ärmeren Klassen vergiftet worden. Ein unerzogener Mensch beanstandet heute heftiger eine überlegene Tugend als allzu großen Reichtum. Ein Mensch von Erziehung vermag stärker Groll und Kritik zu provozieren, wenn er über Rang und Würde, Bildung und Geschmack verfügt, als der Besitzer eines Rolls Royce oder einer Jacht. Die Ironie stellt eine scharfe Waffe dar, die unerzogene Menschen mehr als jede andere fürchten und verabscheuen. Deswegen sind vielleicht die Dozenten von Oxford und Cambridge heute die einzigen Gralshüter des Gentleman-Ideals, weil dort eine rationale Disziplin auf einem Autoritätssystem unter Gleichgestellten basiert ist. Eine solche Autorität ist indessen nur möglich gewesen, weil ihr unbedingter Respekt entgegengebracht worden ist. Dies ist heute nicht mehr in einer Gesellschaft der Fall, in der moralische und intellektuelle Überlegenheit nicht Respekt, sondern verbitterten Protest bewirken. Eine Tatsache wird heute nicht mehr respektiert: Vorzug und Verdienst. Wer diese Tugenden anerkennt, gibt schweigend zu, daß ein Mensch besser als der andere ist, ein Zugeständnis, das nach den vorherrschenden Normen jeden Respekt zerstören muß.

Deshalb ist der Gentleman den veränderten Umständen sozialer Natur zum Opfer gefallen. Deswegen trifft man heute in England mehr Menschen, die sich etwas darauf einbilden, keine Gentlemen zu sein, als solche, die sich bemühen, die letzten Reste einer solchen Haltung zu bewahren. Die falschen Werte unserer Zeit, ihre vulgären Idole sind gewiß kein Ersatz. Die Jugend jedoch mokiert sich über gute Manieren, die einmal als höchste Norm von jedem Engländer anerkannt worden sind.