FÜR Kunsthistoriker, den angehenden zumal, nicht minder den interessierten Gebildeten und Italienfahrer –

Heinrich Wölfflin: „Italien und das deutsche Formgefühl“; Bruckmann Verlag, München; 289 S., 63 Abb., 14,80 DM.

ES ENTHÄLT eine Konfrontation deutscher und

italienischer Kunstauffassung, eine Graphologie der künstlerischen Handschriften, eine Völkerpsychologie in nuce.

ES GEFÄLLT, weil es die Prägnanz der Wölfflinschen Aussage, das Miteinander von Noblesse und Denkstrenge, von Tiefenlotung und eigenwilliger Knorrigkeit bewahrt. Mit Bewegung wird, wer noch erlebt hat, wie Wölfflin im verdunkelten Auditorium die Kaskaden und wuchtigen Kernsätze seiner Rede mit der Rechten gleichsam aus dem spitzgeschnittenen Barte hervorspann, Zauber und denkerischen Anspruch neu verspüren – eine Herzenssache, auf scholastische Flaschen gezogen, mit weltmännischer Gebärde dargereicht. Ein kanonisches Buch. Immerfort tritt dabei die Gestalt seines kritisch geliebten Dürer hervor. Dessen Probleme, findet Wölfflin, seien den Deutschen schicksalsmäßig aufgegeben, würden immer wieder an die Tore pochen und in neuer geschichtlicher Verbindung nach neuer Lösung verlangen. Bei aller tiefen, auch schmerzlichen Liebe zu Italien geht es dem Buch letztlich um die Deutschen, das Deutsche. Darf man mit wenigen Kernsätzen zu nicht müheloser, dennoch faszinierender Lektüre locken? „... selbst der machtvolle Tag von den Medizäergräbern wirkt verhältnismäßig still... gegenüber dem Paulus auf Dürers Apostelbild: Dieser steht völlig unbewegt da, aber die Energie seines Blickes, die Stoßkraft seiner Falten sind ungeheuer.“ – „Grünewald ... von aller Materie scheint er gewußt zu haben, wie ihr zumute ist.“ Und der wie eine Münze gehämmerte Satz: „Der Süden hat die Säule in den Baum hineingesehen, der Norden den Baum in die Säule.“ H. S.