Zwei Tage bleibt so leicht keiner. Denn entweder kommt einer gar nicht hin, oder aber er geht nicht wieder Weg: Beides ist gleich ärgerlich, das eine wegen der Kultur, das andere wegen der Grundstückspreise. Der Ärger beginnt am Autobahnzubringer, deren drei es gibt – laut Wahlprospekt der CDU: Nord, Süd und Mitte, nur dürfen sie nicht mehr so heißen. Der mittlere nämlich ist nach Nichterfüllung seines Wahlschlager-Plansolls unfertig liegengeblieben. Tatsächlich kräht auch kein Hahn danach – bis zur nächsten Wahl, denn das Freiburger Verkehrschaos beschränkt sich brav auf die mittelalterlichen Teile der Stadt, vor allem das Bahnhofsviertel.

Die Verkehrsschilder weisen, wie man sieht, nur lokalpolitisch Geschulten den Weg, aber das macht nichts, denn man sieht von überallher den Münsterturm. Freiburg hat nicht der Welt schönste und schon gar nicht der Welt größte gotische Kathedrale, und überhaupt war das Münster von den fünftausend Bürgerseelen und einigen zig Raubrittern, welche einst das ganz und gar nicht steuerabzugsfähige Geld dafür hergaben, nicht als Erzbasilika, sondern als schlichte Pfarrkirche konzipiert. Aber sintemalen sie binnen zweihundert Jahren fix und fertig wurde, im Gegensatz zu renommierten Pendants wie Köln und Straßburg, war es doch ein Unterfangen, welches sich den Errungenschaften jüngerer Lokalpolitik (vor allem der Stadthalle) würdig zur Seite stellt.

Der Erzbischof kam aber auch erst ein paar Jahrhunderte später. Und ging nicht wieder (siehe oben). Den Freiburgern, allzumal den Bürgerseelen, ist heute wie gestern ihr schlichter Dorfpfarrer das liebste. Und deshalb ist das Freiburger Münster das eindringlichste der Welt. Es läßt sich allerdings nicht „besichtigen“ wie das Tadsch Mahal, sondern es erschließt sich einem nur, wenn man das sonntägliche Hochamt darin hört, was besonders leicht zumutbar ist, da die Andacht dabei durch keine Predigt gestört, sondern vielmehr durch der Welt zweitbesten Organisten verdichtet wird.

Gleich hinter dem Münster findet sich die Musikhochschule, welche zu Unrecht in ihrem Prestige von der Universität mit ihren zehntausend Studiosi erdrückt wird. Immerhin zählt die Musikhochschule Namen wie Seemann und Scheck, Neumayer – während die wesentlichste Attraktion der Universität nach Auskunft eines Studentenführers jüngeren Datums in der Omnipräsenz zweier nichthabilitierter Dozenten, nämlich der Kollegen Schauinsland und Feldberg zu liegen scheint.

Diesen beiden möchte ich aus eigener Erfahrung noch den Professor Ruländer anfügen, dessen Kollegs sich rund um die Uhr einer unüberbietbaren Beliebtheit erfreuen in den herrlichen, unverwechselbaren Lokalitäten um den Münsterplatz, die alle auf „en“ enden, dem Rappen, Bären, Falken und was immer Brehms Tierleben noch hergeben mag.

Damit sind wir schon mitten in Freiburgs Leid und Freud, nämlich bei der Industrie, deren wichtigster Zweig die Vierteles-Produzenten sind und danach die Vierteles-Konsumenten. Und dann gibt es noch Studenten-Wirtinnen. Mit diesen drei Mächten will es keiner verderben, nicht der Fiskus und nicht der Klerus, und eher läßt man eine Studenten-Demonstration gegen Strauß zu als eine gegen die Wirtinnen. Und wer nicht in einer Studentenbude gewohnt hat, kann nicht von sich behaupten, er kenne Freiburg, weshalb dies auch dem Durchreisenden dringend empfohlen werden muß. Unter dem Schutz dieser Gewalten ist der Gast in Freiburg völlig immun, Bürger und Gendarm finden sich in Seelenharmonie vereint wider Bonns neuestes Verkehrsgesetz, und wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter – solang der Gast kein Stuttgarter Minister ist.

Im übrigen aber leben Schwab und Alemanne in Freiburg Hand in Hand, der Alemanne im Bewußtsein seines Rechtes, der Schwabe im Bewußtsein seiner Kraft, sie sind miteinander verheiratet, wie der Kaiserstuhl, Deutschlands wärmste Region, mit dem Schwarzwald, Deutschland kältester Region, verheiratet ist. Man kann beide an zwei Tagen genießen, indem man zum Beispiel über den Tuniberg wandert und über den Roßkopf; für Detailauskunft ist die Redaktion der Badischen Zeitung kompetent.