Wieder hat ein Prozeß, in dem es um Massenmorde der Nazizeit ging, mit Freisprüchen geendet: Das Münchener Schwurgericht sprach vierzehn ehemalige Krankenschwestern und Pfleger der Heilanstalt Obrawalde-Meseritz (Ost-Brandenburg) von der Beihilfe zum Mord an den etwa achttausend dort getöteten "Euthanasie"-Opfern frei. Nach Ansicht des Gerichts reichten die Beweismaterialien nicht aus.

Hat aber das Gericht überhaupt den Versuch unternommen, aller Materialien habhaft zu werden? – Obrawalde-Meseritz steht seit zwanzig Jahren unter polnischer Verwaltung. Doch schon seit achtzehn Jahren ist bekannt, daß die Personal- und Krankenakten der Mordanstalt zum größten Teil erhalten blieben. Weder die Münchener Staatsanwaltschaft noch das Schwurgericht haben sich offenbar darum gekümmert.

Im Bulletin Nr. III der "Polnischen Hauptkommission zur Untersuchung von NS-Verbrechen" waren bereits 1947 Dokumente und Zeugenaussagen veröffentlicht worden. Im Archiv des Standesamtes von Meseritz (heute Miedzyrzecz) beinden sich bis heute neun Bände eines Sterbebuches, das von einem eigens für die Mordanstalt geschaffenen fiktiven Standesamt geführt wurde; es stellte allein zwischen Januar und September 1944 3241 Totenscheine von Patienten aus, die angeblich an Krankheiten, in Wirklichkeit durch Mörderhand starben. Die Sterbebücher zeigen, daß die Tötungen bis zur Besetzung der Anstalt durch sowjetische Truppen fortgesetzt wurden. Die "Tagesleistung" betrug bis zu zwanzig Menschen; nur an Sonntagen wurde nicht "gearbeitet" und nicht "gestorben" ...

Aus den in Polen liegenden Dokumenten ergibt sich, daß die Transporte mit Kranken, aber auch mit "asozialen Elementen" (zu denen auch politische Gegner des Regimes zählten) aus allen Teilen Deutschlands kamen. Sie wurden nachts an der Rampe des Anschlußgleises der Anstalt von Pflegern und Pflegerinnen in Empfang genommen und – soweit sie arbeitsunfähig waren – schon innerhalb von drei Tagen getötet, meist durch Giftspritzen oder durch Verabreichung von vergifteten Speisen. Die Toten wurden ohne Sarg eilig bestattet, die Angehörigen so kurzfristig benachrichtigt, daß sie nicht an der Beisetzung teilnehmen konnten. Hansjakob Stehle