Von Günther Penzoldt

Man könnte sie getrost der Vergessenheit anheimfallen lassen, jene Literaturzeitschrift, die sich „Das Innere Reich“ nannte, im April 1934 im Langen-Müller-Verlag zu erscheinen begann und 1943 am weiteren Fortbestand gehindert wurde. Denn große Publizität war ihr nie beschieden gewesen, weder bei den literarischen Freunden und Gegnern noch bei den politischen Partei- und Gesinnungsgenossen, zu denen sie sich von Anfang an mit allem verbalen Nachdruck bekannte. Eine ziemlich eindeutige Sache, könnte man denken, durch sich selbst gerichtet, gedanklich ad absurdum geführt, stilistisch verjährt, ein wenig erbauliches Kapitel in der Geschichte deutscher Literaturzeitschriften. Man könnte die Akten darüber schließen in der Hoffnung, daß sich Mitbeteiligte und Mitarbeiter, soweit sie noch am Leben sind, nichts sehnlicher wünschen, als das öffentliche Zeugnis ihrer Irrtümer beschämt einstauben zu lassen.

Dem jedoch scheint nicht so zu sein. So stößt man verblüfft in Curt Hohoffs Fortsetzung der berühmten Literaturgeschichte der Gegenwart von Alfred Soergel auf den Versuch einer Ehrenrettung. Ja, es wird geradezu der Eindruck erweckt, man habe es beim „Inneren Reich“ mit innerem Widerstand zu tun. „Da entwickelten sich neue Verfahren und Verständigungssysteme“, wird da mitgeteilt. „Die Andeutung wurde verstanden, die Zweideutigkeit war Kunst“, heißt es, und als Resümee liest man, das „Innere Reich“ sei „als Versuch einer intelligenten Zeitschrift unter einem dem Geist feindlichen Regime“ zugrundegegangen.

Hat man sich so geirrt? Fiel die Zeitschrift nicht einfach, wie viele andere Publikationen, der Zelluloseknappheit im vorletzten Kriegsjahr zum Opfer? Hat man sich verlesen und die Andeutungen und Zweideutigkeiten nicht verstanden oder nicht genügend gewürdigt? Hat man die Begriffe „Reich“ und „Volk“, die sich nebst anderen einschlägigen Vokabeln dieser „großen Zeit“ auf den Zeilen der Zeitschrift gegenseitig tottreten, versehentlich nicht im Sinne von Herder und Hölderlin aufgefaßt, wie Hohoff es wohlmeinend vorschlägt?

Hat man sie womöglich einfach so verstanden wie jener Mann, der gleich im programmatischen Aufsatz über Sinn und Aufgabe der neuen Literaturzeitschrift „beschworen“ wird? Paul Alverdes und Benno von Mechow, die beiden Herausgeber, schreiben da:

„Das Wunder ist geschehen, die Deutschen sind ein einziges, ein einiges Volk geworden und wollen nun nimmermehr von dieser Einigkeit lassen. Die Vorsehung hat dieses Wunder durch das Herz und die Kraft eines einzigen deutschen Mannes gewirkt. Er stand unter den Millionen der Front und kämpfte und duldete, während der tiefe Sinn und das wahre Ziel allen Opfers und allen Gehorsams und aller Pflichterfüllung noch geheimnisvoll verborgen vor ihm lag – nur geahnt, wie von vielen seiner Kameraden, aber vor der letzten Läuterung durch Blut und Feuer und namenloses Leiden noch nicht in voller Reinheit und Klarheit erkannt. Nächst der Liebe aber zum deutschen Menschengenossen seiner an Not und Pein übervollen Gegenwart, nächst dem Willen, ihm den gesunden und tüchtigen Weg zu weisen, wirkte in diesem Mann, eingegeben von einer gnädigen Allmacht, das Wissen von den ewigen Schätzen der deutschen Seele... Wir erkennen in der Führung des deutschen Volkes durch Adolf Hitler, durch den im Leibes- und Seelenkampf geläuterten Soldaten des alten und des neuen deutschen Reiches, die leidenschaftliche Liebe nicht allein zum zeitlich sichtbaren Volksgenossen, dem durch Gesundung und Kraft, durch die endliche Wiederherstellung seiner Ehre das Leben als das Leben in einem wahren Vaterlande wieder teuer und köstlich gemacht werden muß, sondern auch zu jenen uralten, immer neuen Reichtümern der Seele, die in heiligem Wechselspiel als letzter Gewinn allem Handeln und Trachten des deutschen Volkes entsprossen sind, um zu Segen und Aufwärtssteigerung immer wieder auf den einzelnen zurückzukehren.“

Wir haben uns also nicht mit der Hohoffschen Bemerkung abspeisen lassen, der nationale Tonfalls dieser Publikation laufe Gefahr, nationalistisch mißdeutet“ zu werden, sondern Sammelbände besorgt und nachgeschlagen. Wir wollten wissen, ob wir Unrecht hatten, wenn wir das Blatt für eine Nazizeitschrift hielten. Eine Nazizeitschrift (oder liest man heute lieber “ein faschistisches Organ“?) dazu noch aus eigenem Antrieb und nicht ministeriell bestellt wie später „Das Reich“. Und wenn auch gelegentlich etwas unsicher geworden in der exakten Linientreue – ein Schicksal, das sie mit berühmteren diktaturergebenen Druckerzeugnissen teilte – so schwamm die Zeitschrift doch stets bekenntnishaft stolz und ergeben im braunen Fahrwasser mit.