Fast auf den Tag ein Jahr, nachdem die erste Nummer der „Welt der Literatur“ erschien, dieses ebenso erwünschte wie gescholtene Literaturblatt, für das er sich jahrelang eingesetzt hatte und dessen Gründung und Gestaltung wesentlich mit sein Werk war – gerade ein Jahr nach diesem immerhin denkwürdigen Datum in der Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur wurde der verblüfften Redaktionskonferenz der Welt in der vorigen Woche eröffnet, daß die Geschäftsleitung mit Dr. Georg Ramseger über sein Ausscheiden verhandele.

Genauer gesagt: daß sich die Welt von Ramseger trennt, der zwölf Jahre lang ihr Feuilleton, die „Geistige Welt“ und seit März 1964 auch die „Welt der Literatur“ geleitet hat, ist beschlossene Sache. Verhandelt wird einzig noch über die Modalitäten der Trennung: über den Zeitpunkt, über Ramsegers eventuelle Weiterbeschäftigung an einer anderen Stelle des Springer-Imperiums, über die künftige Organisation der Kulturdomäne der Welt (also: ob ihre drei Bezirke – Feuilleton, „Geistige Welt“ und „Welt der Literatur“ – weiterhin einem Mann unterstehen sollen oder auf mehrere verteilt werden).

Übereinstimmenden Gerüchten aus dem Springer-Haus zufolge ist auch Ramsegers Nachfolger bereits gefunden. Oder richtiger: daß er gefunden wurde, war einer der Gründe, warum Ramseger jetzt gehen muß. Treffen sie zu, so heißt er Hans Eberhard Friedrich, ist achtundfünfzig Jahre alt, Napoleon-Kenner und Reiseschriftsteller (zwei Bücher von ihm gibt es zur Zeit: „Die schönsten Camping-Reisen nach Italien, Jugoslawien, Griechenland, Südfrankreich, Spanien und Portugal“ sowie „Die Kunst, Feste zu feiern“ mit dem Sonderteil „Der Hausherr als Getränkekenner“); er leitete fünf Jahre lang (von 1949 bis 1954) das Literaturblatt der Neuen Zeitung und ist seit einiger Zeit Reiseredakteur der Welt. Dem Springer-Haus ist er noch auf eine andere Weise verbunden: Sein großer Bruder Otto A. Friedrich ist Vorsitzender der „Stiftung Die Welt“, der die Welt-Verlagsgesellschaft mbH zu fünfundzwanzig Prozent gehört und die damit die Sperrminorität besitzt. Nur fünfundsiebzig Prozent der Aktien nämlich sind in Axel Springers Besitz.

Daß ein Redakteur in Ramsegers mächtiger Position kurzerhand abgeschoben wird – es ist kein alltäglicher, es ist im Gegenteil ein ziemlich einzigartiger Vorgang in der jüngeren deutschen Pressegeschichte. Ist es verwunderlich, wenn die Leute anfangen, über die Gründe zu spekulieren?

Keine bloße Spekulation ist folgendes: daß Ramseger – nun, gewiß kein Hofmannsthalscher „Schwieriger“ ist, aber ein schwieriger Mensch trotzdem, mit dem auszukommen mancher seine Mühe hatte; seiner Alertheit und Energie indessen brachte auch Achtung entgegen, wer im übrigen mit ihm auf gespanntem Fuß lebte. Und ebensowenig gehört es ins Reich der Spekulation, daß im Hause Springer entscheidende Meinungsverschiedenheiten über die Gestaltung der „Welt der Literatur“ bestanden.

Ein guter Stern hat bisher über dieser „Welt der Literatur“ nicht eben gestanden. Sie trat auf mit dem Anspruch, eine Art deutsches Times Literary Supplement vorzustellen – und schraubte damit die Ansprüche ihrer Leser auf eine Höhe, der sie nicht gewachsen sein konnte. Es ist in Deutschland schwer genug, eine ganz normale, einigermaßen ernstzunehmende Literaturbeilage zu machen; wieviel schwerer ist es erst, jene Autorität, die das Times Literary Supplement besitzt und für die es bei uns kein Beispiel gibt, aus dem Boden zu stampfen! Nicht weniger aber wurde versucht, und wenn an der „Welt der Literatur“ unverhältnismäßig viel herumgenörgelt wurde, so hauptsächlich darum, weil sie sich selbst unverhältnismäßig viel vorgenommen hatte. Immer wieder wurde ungehalten festgestellt, was eigentlich nicht verwunderlich gewesen wäre: daß doch nur mit Wasser gekocht wurde, wenngleich in einem großen Kessel. Aber das hieß nur: mehr Wasser.

Eins vor allem, so scheint es, war vor lauter rühmlichem Ehrgeiz übersehen worden: daß die Welt selber keine Times ist – keine Zeitung die sich eines besonderen Ansehens bei den ersten Interessenten einer Literaturbeilage, den Intellektuellen, erfreute oder auch nur Anstrengungen unternähme, ein solches Ansehen zu erwerben. So mußte ein Unternehmen wie die „Welt der Literatur“ in dieser Umgebung als Fremdkörper wirken, und offenbar wurde es von den Lesern wie von dem Verlag auch weitgehend so empfunden. Es war nicht ganz das Pflichtblatt für die Intellektuellen geworden, dazu wurde schon dem, was drumherum stand, zuviel Reserve, wenn nicht Widerwille entgegengebracht; und ein Blatt, an dem der Verlag seine helle Freude gehabt hätte, wurde es scheint’s genausowenig, konnte es schon darum schwerlich werden, weil es vermutlich ein Zuschußgeschäft blieb. Zwar bringt es der Welt jeden zweiten Donnerstag eine Menge zusätzlicher Käufer ein (man spricht von dreißigtausend oder mehr), aber das sagt noch nichts darüber, wie viele von den übrigen Welt-Lesern mit der „Welt der Literatur“ etwas anzufangen wissen.