K.-H. J., Minden

Die FDP in Minden ist ins Gerede gekommen. Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl ist so etwas nicht unbedingt angenehm. Darum kann man es den Oberen der Mindener Freien Demokraten nachfühlen, daß sie das, was ihnen der Diplom-Ingenieur Hans Mosel eingebrockt hat, als eine Privatangelegenheit abtun – eine Privataffäre freilich, die in aller Öffentlichkeit – im Hotel „Kronprinz“ – ausgetragen und von den drei Lokalblättern an die große Glocke gehängt wurde.

Mosel, Stadtverordneter der FDP, hatte jenen Bürgern Mindens, die mit ihrer Vergangenheit noch nicht ins reine gekommen sind, etwas Gutes tun wollen. Aus dem benachbarten Bielefeld lud er einen jungen Publizisten, den Diplom-Politologen Udo Walendy, zu einem Vortrag über die „Kriegsschuldlüge“ ein. Walendy erwarb sich seine Meriten als Zeitgeschichtsforscher durch verschiedene Beiträge in der Monatsschrift Nation Europa“, die von dem ehemaligen SA-Obertruppführer und Hauptsturmführer der Waffen-SS, Albert Ehrhardt, herausgegeben wird.

Anscheinend wußte das der Lokalreporter des „Mindener Tageblatts“ nicht, als er über den Vortragsabend im vollbesetzten Saal des „Kronprinzen“ berichtete. Denn er wunderte sich, daß in dem Vortrag kein einziges Wort über eine Schuld Adolf Hitlers gefallen war. Um so mehr hatte Walendy von „kriegslüsternen“ Polen und „kriegstreiberischen“ Engländern gesprochen. Begeisterter Beifall lohnte die Mühe des Redners. Offensichtlich gehörten die meisten Zuhörer einer älteren Generation an; einer von ihnen schilderte sie als „lauter ehrenwerte Frauen und Männer, die sich noch einen Funken deutscher Gesinnung erhalten haben, die nicht für ewig gewillt sind, das Volk der Kriegsverbrecher zu sein, Soldaten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, Männer, die durch eine harte Schule des Lebens gegangen sind und zum großen Teil ihre Heimat verloren haben“. Ihnen hatte Walendy ebenso aus dem Herzen gesprochen wie dem Veranstalter. Zufrieden dankte FDP-Stadtrat Mosel dem Redner: „Wir wissen es nun, wie es um die Kriegsvorbereitungen stand.“

Das war voreilig gesprochen. Zumindest einer im Saal, der Oberstudiendirektor i. R. Dr. Karl August Strate, war da anderer Meinung. „Er habe“, so bekannte der Schulmann, „noch nie einen Vortragsabend so bestürzt und erschüttert verlassen wie diesen.“ Er konnte es einfach nicht fassen, daß Hitler – für ihn „der fleischgewordene Böse, ja Teufel“ – in einen Engel verwandelt worden war. Noch andere Schulleute, zumeist Historiker mit abgeschlossener Hochschulausbildung, meldeten sich später zu Wort. Als erster stieg Studienrat Hans-Jürgen Rathert, Geschichtslehrer am neusprachlichen Gymnasium auf die Barrikaden. In einem geharnischten Leserbrief brandmarkte er die Forschungen Udo Walendys als „übelste Geschichtsfälschungen“ und titulierte die gläubige Zuhörerschaft als „eine kleine Gruppe Unbelehrbarer“. „Vor den Einflüssen dieser neonazistischen Kräfte gilt es insbesondere, unsere Jugend zu schützen.“

Im Nu hatte Minden (49 000 Einwohner) seinen kleinen Skandal. Rathert hatte die Gefühle vieler ehrenwerter Bürger seiner Stadt verletzt. Empörte Leser überschütteten die Redaktionen der Lokalzeitungen mit Protestbriefen. In seinem Briefkasten fand Studienrat Rathert eine Postkarte mit dem anonymen Absender „Die Gruppe der Unbelehrbaren“ und folgendem Text: „1. Jetzt wissen wir, wo die Landesverräter und Vaterlandsverräter sitzen. 2. Unsere Liste wird vervollständigt.“ Dann folgte eine unleserliche Unterschrift und der Zusatz: „Die kleine Gruppe zählt Millionen.“

Rathert wußte nicht recht, ob er diese Drohung als Dummenjungenstreich belächeln oder als terroristische Drohung rechtsradikaler Gruppen ernst nehmen sollte. Seine jungen Historiker- und Schulkollegen in Minden jedenfalls fanden es an der Zeit, sich öffentlich mit ihm solidarisch zu erklären: „Wir halten ihn für einen entschiedenen Demokraten, der seinem Volk, der Jugend und der Zukunft besser dient als Verführer und Verführte, die als höchsten Wert nur die eigene Nation zu sehen vermögen.“