WESTDEUTSCHER RUNDFUNK

Mittwoch, 31. März, das Hörspiel:

Bedurfte es einer solchermaßen gearteten "Wiederkehr des Ovid"? Wie war es in Wirklichkeit um den bitteren Einschnitt im Leben des Dichters bestellt, dem Roms dolce vita während der Zeit des Augustus zu Versen wurde?

Hauptgrund für seine Verbannung an das unwirtliche Ufer des Schwarzen Meeres war seine "Liebeskunst", worin sich Ovid über die behördlicherseits gewünschte Restauration altrömischer Moral frech und frei hinwegsetzte. Anlaß wurde des Dichters Mitwisserschaft um die Libertinage (Nackttänze) der Kaiserenkelin Julia. Nachdem auf Grund dieses Vorfalls der Prinzeps die Verbannung verfügt hatte, versuchte Ovid jahrelang seine beanstandeten Verse zu rechtfertigen und den "Göttlichen" zu versöhnen. Vergeblich. Das Leben des einstigen Lieblings von Roms jeunesse dorée endete vermutlich während eines jener kalten Winter, da man am Pontus den Wein nicht schöpfen, sondern in Stücke brechen konnte.

Dies waren Motive für ein Hörspiel. Der tschechoslowakische Schriftsteller Milos Rejnus glaubte aber, die Handlung mit ein paar volksdemokratischen Hieben antreiben zu müssen. Bei ihm muß Ovid von Ehrgeiz brennen, Lorbeeren eines Widerständlers gegen den Diktator Augustus bei dem Mann auf der Straße einzuheimsen. Der Prinzeps nimmt übel, daß ein politischer Vers mit Zündstoff vor seine Ohren kommt. Er befiehlt die Verbannung, wobei er zugleich den Antimoralisten loswird. Auch am Pontus wird der Dichter in eine Widerstandsgruppe hineingezogen.

Politisch Lied – garstig Lied, im Falle Rejnus trifft es zu. Nichts stimmt, weil das Schielen nach der wirklichen Biographie ständig der "Erfindung" in die Quere kommt. Ovid wurde von Kurt Meysel mit larmoyanter Verve vorgetragen, Augustus verhielt sich leicht snobistischindolent (Hans Nielsen), Ovid wird auch diese "Wiederkehr" überdauern. Willi A. Koch