Von Thomas von Randow

Können Wünsche das Wetter beeinflussen? Natürlich nicht, wird man sagen. "Wieso eigentlich nicht?", fragt der englische Psychologe William E. Cox. Aus der Wetterstatistik des Ortes St. Petersburg, im US-Staat Florida geht hervor, daß unter den 211 Tagen der Jahre 1910 bis 1957, an denen dort die Sonne nicht schien, nur elf Sonntage waren. Das widerspricht der statistischen Erwartung erheblich. Man muß sich also fragen, welchen Grund diese Bevorzugung der Sonntage haben kann. Ist sie ein Zufall oder ein Fehler in der Statistik? Könnte es damit zusammenhängen, daß sonntags keine Fabriken arbeiten, folglich die Luft nicht verpestet wird? Oder bleibt vielleicht nur die eine Erklärung übrig, daß der Wunsch sehr vieler Menschen nach sonnigen Feiertagen einen Einfluß auf das Wetter ausübt? Man sollte das doch einmal näher untersuchen.

Dr. Cox, der als seriöser Wissenschaftler bekannt ist, stellt diesen phantastischen Gedanken in dem Buch "The Scientist Speculates" zur Diskussion, das jetzt in deutscher Sprache erschienen ist:

Irving John Good: "Phantasie in der Wissenschaft". Eine Anthologie unausgegorener Ideen; Econ-Verlag, Düsseldorf, Wien; 380 S., 24,80 DM.

Diese Sammlung von 123 Beiträgen namhafter Wissenschaftler durchbricht die Tradition der Gelehrsamkeit. Good ist es gelungen, Professoren von Rang und Namen zu überreden, frisch drauflos zu spekulieren. sechsundsechzig Wissenschaftler, darunter die bekannten Mathematiker Polya und Littlewood, die Kybernetiker Dennis Gabor und Gordon Pask, der amerikanische Nationalökonom Wassily Leontief, der weltbekannte Astronom Fred Whipple und der Schriftsteller Arthur Koestler, haben sich an dem mutigen Unternehmen beteiligt.

Mut erforderte das Mitspielen an Goods seltsamem Projekt aus zwei Gründen: Wer als Gelehrter seiner Phantasie öffentlich freien Lauf gibt, läuft Gefahr, seinen Ruf zu verlieren, und wer eine halbgare Theorie publiziert, riskiert, daß andere, weniger phantasiebegabte, aber dafür fleißigere Kollegen die preisgegebene Idee garkochen und den Ruhm davontragen.

Die meisten Spekulationen, die in diesem bisher einmaligen Buch dargelegt werden, sind nicht so abwegig wie die Hypothese des Dr. Cox, man könne sich gutes Wetter herbeiwünschen. Zum Beispiel stellt der Biologe Marcus Bishop die sehr vernünftige Frage, ob sich Sägemehl zur menschlichen Ernährung verwenden läßt. Holz in Eiweißstoffe verwandeln, das können unter anderem Termiten. Und es gibt Völkerstämme, die diese Insekten als Delikatesse verspeisen. Bei uns ließe sich eine solche Diät wohl kaum einführen. Nun weiß man aber seit langem, daß Termiten die chemische Stoff-Umwandlung nur deshalb zustande bringen, weil in ihrem Verdauungs-System Mikroorganismen wohnen, die sogenannten Trichonympha. Diese Kleinstlebewesen besitzen die notwendigen Enzyme zur Herstellung von Nährstoffen, aus Holz. "Könnte man nicht Trichonympha oder ähnliche Mikroorganismen in den Gedärmen von Kühen ansiedeln und die Rinder daran gewöhnen, Holzabfälle zu fressen?" fragt Dr. Bishop. Schließlich sind der Menschheit auch schon ohne Anvendung der biologischen Techniker des zwanzigsten Jahrhunderts erstaunliche Transformationen in der Nutzviehzucht gelungen. "Das hölzerne Pferd ist eine Sage der Antike – vielleicht wird das Steak aus Sägemehl eine Wirklichkeit der Zukunft sein."