Verräter, Brückenbauer, Weisenkinder

Was ist zu tun, damit die Übersetzungen besser werden – und das Los der Übersetzer? / Von Marcel

Die Italiener sagen kurz: "traduttore – traditore". Sie halten die Übersetzer für Verräter. Cäsar meinte, man liebe zwar den Verrat, aber man hasse den Verräter. Sicher ist, daß man die Übersetzungen braucht, aber die Übersetzer mißachtet. Gelegentlich rühmt man sie als unermüdliche Brückenbauer, die die Klüfte zwischen den Völkern überwinden. Doch in der Regel beschimpft man sie als Stümper.

Haben wir es mit den verkannten, den stillen Helden des literarischen Lebens zu tun oder mit Fremdlingen, die man benötigt und duldet, ohne ihnen volle Bürgerrechte zubilligen zu wollen? Gehören sie zu den Märtyrern der holden Wortkunst oder eher zu den frechen Betrügern und dreisten Nichtskönnern? Jedenfalls waren sie immer schon die armen Waisenkinder der Literatur, ihre ewigen Sündenböcke und Prügelknaben.

In keinem Land der Welt werden jedoch die Übersetzer seit Jahrhunderten so beharrlich angegriffen und verspottet, getreten und verleumdet wie in Deutschland. Das spricht nicht unbedingt gegen die Übersetzer. Und noch weniger gegen die zumindest in dieser Hinsicht zu Zornausbrüchen aufgelegte literarische Öffentlichkeit. Vielmehr zeugt es von der deutschen Übersetzungskultur.

Immerhin hat man sich hier häufiger und gründlicher um die Qualität von Übersetzungen gekümmert als in fast allen Ländern der Welt, vor allem in Frankreich und England. Nicht umsonst waren alle großen deutschen Dichter zugleich Übersetzer: Goethe, Schiller, Hölderlin, Büchner, Heine. Eine der bedeutendsten schriftstellerischen Leistungen in deutscher Sprache ist eine Übersetzung – jene, die mit den Worten beginnt: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde."

Auch sollte man nicht übersehen, daß sich der Held des berühmtesten deutschen Dramas unter anderem als Übersetzer betätigt, wobei mir bemerkenswert scheint, daß derselbe Mann, der nicht die geringsten Bedenken hat, eine Minderjährige mit teuflischer Hilfe zu verführen, als Übersetzer vor lauter (übrigens verständlichen und sympathischen) Bedenken nicht vom Fleck kommt.

Was wirft man den ewigen Prügelknaben vor? "Unsere Übersetzer verstehen selten die Sprache; sie wollen sie erst verstehen lernen; sie übersetzen, sich zu üben, und sind klug genug, sich ihre Übungen bezahlen zu lassen. Am wenigsten aber sind sie vermögend, ihrem Originale nachzudenken. Denn wären sie hierzu nicht ganz unfähig, so würden sie es fast immer aus der Folge der Gedanken abnehmen können, wo sie jene mangelhafte Kenntnis der Sprache zu Fehlern verleitet hat." Also schrieb Gotthold Ephraim Lessing am 11. Jenner 1759 im vierten der "Briefe die neueste Literatur betreffend".

Verräter, Brückenbauer, Weisenkinder

Hört man die deutschen Verleger und ihre Lektoren, dann muß man annehmen, seitdem habe sich die Situation eher noch verschlimmert. Die Manuskripte der meisten deutschen Übersetzer seien heutzutage einfach nicht druckbar. Sie müßten im Verlag vollkommen überarbeitet werden. Die Übersetzer behandelt man somit nicht als Urheber literarischer Texte, sondern als Lieferanten von Vorfabrikaten oder als Handwerker.

Indes werden sie mitnichten wie Handwerker entlohnt. Ich möchte dem Leser eine komplizierte Kalkulation ersparen und bitte, mir zu glauben, daß in der Bundesrepublik ein Übersetzer anspruchsvoller literarischer Werke, der seine Arbeit ernst nimmt und sorgfältig macht, ihr einen geringeren Stundenlohn verdankt als ein guter Autoschlosser oder Tischler.

Die Verleger bestreiten es in der Regel nicht, behaupten jedoch häufig, auch diese Honorare seien eigentlich noch zu hoch, denn man müsse doch die erheblichen Kosten berücksichtigen, die die erforderliche Überarbeitung verursacht. Also: schlechte Bezahlung für schlechte Leistung. Viele Übersetzer wollen wiederum manche Mängel ihrer Manuskripte mit der Zeitnot rechtfertigen – bei derartigen Honoraren müßten sie verhältnismäßig rasch arbeiten. Kurzum: die Katze beißt sich in den Schwanz.

Warum erhalten die angeblich so fragwürdigen Übersetzer weiterhin Aufträge, und zwar oft von eben jenen Verlegern, die sich über sie geringschätzig äußern? Es gibt – heißt es – keine besseren. Wirklich? Und A und B und C?

A, erklärt der Verleger, sei ein Ausnahmefall, und der eine A könne schließlich nicht die ganze alljährliche Produktion des Hauses bewältigen. Einverstanden. B? Die Antwort: Er habe vor drei, vier Jahren tatsächlich gut übersetzt, jetzt unterschieden sich seine Manuskripte kaum von anderen Übersetzungen. Und die bekannten Übersetzer C, D und E? Der Verleger winkt ab. Sie hätten ihren Ruf zu Unrecht, da die Druckfassungen ihrer Übersetzungen weit vom ursprünglichen Manuskript abwichen.

Das Ergebnis: die meisten in Deutschland erscheinenden Übersetzungen sind miserabel oder schwach oder mittelmäßig. "Und nun sagen Sie mir", heißt es im zitierten Brief von Lessing, "ist das deutsche Publikum nicht zu bedauern?" Zu bedauern sind ferner die ausländischen Autoren, deren Bücher oft die hiesigen Leser nicht überzeugen können, weil sie ihnen nur in entstellter Fassung zugänglich gemacht werden.

Was tun? Ist es unmöglich, auf diesen beklagenswerten Zustand einzuwirken und ihn zu ändern? Natürlich ist es möglich.

Verräter, Brückenbauer, Weisenkinder

Man glaube nicht den Verlegern, es fehle in den deutschsprachigen Ländern an guten und sogar hervorragenden Übersetzern. Das ist einfach nicht wahr. Nur wollen sie nicht für die schäbigen Honorare arbeiten, die die deutschen Verlage zahlen. Und sie haben es auch nicht nötig.

Denn wer wirklich gut zu übersetzen imstande ist, der kann meist mehr als nur dies. Er kann schreiben. Er ist also auf die Übersetzungsarbeit nicht angewiesen. Er verdient sein Brot leichter und schneller und angenehmer als Verfasser von Büchern oder Stücken, beim Funk oder bei der Presse. Sollte es uns nicht zu denken geben, daß die Übersetzungen, die in den letzten Jahren von bekannten Prosaisten (Böll, Hildesheimer, Johnson, Nossack, Schmidt, Weiss) oder Kritikern (Horst, Mayer, Hilde Spiel) gemacht wurden, beachtlich oder ausgezeichnet waren?

Es handelt sich also um Geld. Aber nicht nur darum. Ein Verleger, in dessen Haus zahlreiche vorzügliche Übersetzungen publiziert wurden, sagte mir neulich klipp und klar, er beschäftige in vielen Fällen lieber mittelmäßige Übersetzer als die etwas besseren, die er auch haben konnte. Der mittelmäßige Übersetzer, den man schon kenne, akzeptiere nämlich ohne Widerspruch alle erwünschten Textänderungen. Das Manuskript des besseren Übersetzers müsse ebenfalls kontrolliert werden. Zwar sei die Zahl der Korrekturen kleiner, man habe jedoch kaum weniger Arbeit, weil er sich den Vorschlägen des Lektors oft widersetze, so daß langwierige Verhandlungen nötig werden.

Die Zusammenarbeit mit den begabteren Übersetzern ist also nicht nur kostspieliger, sondern in vielen Fällen auch unbequemer. Daher bilde ich mir nicht ein, daß die Verleger zu einer derartigen Zusammenarbeit freiwillig bereit sein werden. Aber man kann sie dazu zwingen. Wer? Die literarische Öffentlichkeit. Auf welche Weise?

Erforderlich ist die systematische Analyse der Übersetzungen und ihre kritische Bewertung. Ich befürchte jedoch, daß eine ständige Übersetzungskritik in jenen Blättern, in denen sich unser literarisches Leben vor allem abspielt – also in den großen Tages- und Wochenzeitungen – nicht möglich sein wird, da sie sich nicht auf Pauschalurteile beschränken dürfte, sondern mit vielen Zitaten aufwarten muß. Den Herzu notwendigen Platz werden die Zeitungen doch nur in Ausnahmefällen zur Verfügung stellen.

Überdies haben wir es mit einer Problematik zu tun, die in erster Linie für die Fachkreise von Interesse ist. Daher sollten sich wohl mit Übersetzungsfragen vornehmlich die Fachzeitschriften befassen: Neue Rundschau, Akzente, Merkur, Sprache im technischen Zeitalter.

Auch die Universitäten könnten und sollten hier helfen. Das von Gustav Korlén geleitete Germanistische Seminar der Stockholmer Universität prüft die schwedischen Übersetzungen deutscher Literatur, bevor sie dort gedruckt werden. Wahrscheinlich wäre eine ähnliche Funktion der bundesrepublikanischen Universitäten in der Regel leider nicht möglich. Aber bestimmt ließe es sich machen, daß sich die Anglistischen, Romanistischen oder Slawistischen Seminare mit den wichtigeren bereits erschienenen Übersetzungen befassen.

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Ist das, was uns in deutscher Sprache als William Faulkner angeboten wird, tatsächlich William Faulkner? Hemingway hat auf eine Generation deutscher Schriftsteller einen stilbildenden Einfluß ausgeübt. Wer hat ihn in Wirklichkeit ausgeübt – Hemingway oder seine deutsche Übersetzerin Annemarie Horschitz-Horst? Die Geschichten von Isaak Babel sind in zwei deutschen Übersetzungen zu haben, die sich so sehr voneinander unterscheiden, daß nur eine Babel wiedergeben kann oder keine, nicht aber beide zugleich. Wie ist es darum bestellt?

Auch glaube ich, daß zwischen den Dissertationsthemen der Neuphilologen und dem gegenwärtigen literarischen Leben ein enger Zusammenhang bestehen könnte. Die Untersuchung von Übersetzungen scheint mir eine wissenschaftlich dankbare Aufgabe für Doktoranden zu sein, von der die Öffentlichkeit überdies einen unmittelbaren Nutzen hätte.

Die Kritik sollte, meine ich, zu erreichen versuchen, daß die interessierten Kreise – wozu natürlich auch ein Teil des Publikums gehört – zwischen vorzüglichen, nur brauchbaren und schlechten Übersetzungen unterscheiden. Dies könnte wiederum die Verleger davon überzeugen, daß es sich lohnt, in die Übersetzungen mehr Geld zu investieren und nicht nur mit den Routine-Übersetzern zu arbeiten.

Schließlich könnte dies alles bewirken, daß die Übersetzer einen Sinn darin sehen, anständig zu arbeiten. Denn so wie die Dinge jetzt liegen, erhalten die fähigen und verantwortungsvollen Übersetzer kaum mehr Geld und finden kaum mehr Anerkennung als jene, deren Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit die Literaturen fremder Völker verdirbt.

Bei Lessing heißt es auch: dergleichen schlechte Übersetzer, als ich Ihnen bekannt gemacht habe, sind unter der Kritik. Es ist aber doch gut, wenn sich die Kritik dann und wann zu ihnen herabläßt, denn der Schade, den sie stiften, ist unbeschreiblich."