Ost und West zogen in dieser Woche eine Bilanz der letzten Berlin-Krise. Beide Seiten feierten ihre Demonstration als Erfolg: Der Bundestag hatte sein Recht auf Plenarsitzungen in der Reichshauptstadt bekräftigt, die Sowjetunion und die DDR hatten ihre Macht bewiesen, zeitweilig den Verkehr nach Berlin zu behindern. Infolge des Dauerlärms sowjetischer Düsenjäger über Berlin gingen diesseits und jenseits der Mauer einige hundert Fensterscheiben entzwei, mehrere Einwohner erlitten Nervenschocks. Die Autobahn Helmstedt–Berlin wurde insgesamt sechsmal gesperrt, jedoch immer nur für ein paar Stunden, so daß die Westalliierten niemals einen gewaltsamen Durchbruch zu versuchen brauchten.

Die Westmächte mußten sich hinterher von einigen Politikern der Bundesrepublik kritisieren lassen, weil sie auf die sowjetischen Störmanöver einzig mit einem Dutzend mündlicher und schriftlicher Proteste geantwortet hatten. Von Anfang an hatten die Westmächte der Bundestagssitzung nur zögernd zugestimmt. Ihnen zuliebe verzichtete Bundestagspräsident Gerstenmaier auf eine politische Debatte. Der Bundesrat, der am 30. April ebenfalls in Berlin tagen wollte, hat nach alliiertem Einspruch diese Absicht wieder aufgegeben.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, SPD-Vorsitzender Willy Brandt, verhandelt nun in dieser Woche in den USA über die Frage, wie die Verkehrsverbindungen nach Berlin künftig besser abgesichert werden können. Er warf zwei Vorschläge in die Debatte:

  • einen Landkorridor oder
  • eine internationale Zufahrtsbehörde.

Der Korridor-Plan wurde schon nach der Berliner Blockade 1949 mehrmals von Ernst Reuter ventliert. Verschiedene Möglichkeiten wurden damals genannt:

  • ein 30 Kilometer breiter Streifen entlang der Autobahn oder
  • die Autobahn und ein Schienenstrang auf dem Grünstreifen als exterritorialer Korridor.

Willy Brandt griff 1958 diese Idee wieder auf: Falls Ubricht mitten durch Berlin eine Staatsgrenze ziehen wolle, könne es die Lage Berlins erleichtern, wenn Westberlin als Bundesland durch einen abgesicherten Korridor mit Westdeutschland verbunden werde. Selbst Chruschtschow äußerie damals gelegentlich, es könnten für Personen- und Warenverkehr Korridore wie seinerzeit in Danzig geschaffen werden.