Von Mare Stahl

Wir bilden uns zwar ein, in einer realistischen Welt zu leben, realistisch zu denken, zu handeln, ja sogar zu lieben. Wir brauchen aber nur einen Blick rund um uns zu werfen, um erstaunt festzustellen, daß hier etwas nicht stimmt.

Denn rund um uns dominiert der Traum. Schon morgens ziehen wir unsere Traumwäsche an, nachdem wir uns mit einer Traumseife gewaschen haben, um dann mit einem Traumwagen ins Büro zu fahren. Überall sind in der ganzen Stadt schön mächtige Traum wagen in Bewegung (jede Marke ihr eigener Traum, nur daß es mehr oder weniger teure Träume gibt). Endlich im gewohnten Arbeitsraum angekommen, muß man sich allerdings einige ärgerliche Zeit mit realen Dingen herumplagen, aber nur zu dem Zweck, um das nötige Betriebskapital zum Ankurbeln neuer Träume zu verdienen.

Denn da gibt es Traumreisen zu Trauminseln, die schon träumend auf uns warten, um ihre Träume mit den unserigen zu vereinen. Und es führen viele Traumstraßen zu Traumstädten – wenn man es nicht gleich vorzieht, überhaupt in Traumländer zu fliegen.

Früher träumte man nur an Kaminen – vornehmlich an französischen – jetzt hat sich aber die-Träumerei auf alles erstreckt, was irgend beträumbar ist. Es ist begreiflich, daß man zum Beispiel ein Bett ein Traumbett nennt und daß dazu natürlich auch Traumkissen und Traummatratzen gehören. Hollywood-Schaukeln laden zu Träumen ein, die auf Traumterrassen von Traumhäusern stehen, die von Traumgärten umgeben sind. Dort gibt es selbstverständlich einen Traumswimmingpool. Allmählich kann so etwas zu Albträumen werden, und auch die reizendsten Mädchen, die mit nichts als Haut bekleidet für alle diese Träumereien Reklame stehen, sitzen oder liegen, können uns nicht vor der Gänsehaut retten, die uns beim Konsum dieser Traumartikel überrieselt – hier herrscht wahrscheinlich schon ein Trauma vor.

Immerhin ist dieses alles der Traum manchen Lebens – von dem berühmten Lieschen Müller nicht zu reden. Sie schwebt in Traumkleidern durch ein Traumschloß mit ihrem Traumgemahl zu einem Traumsouper – womit wir glücklich mitten in der Traumfabrik wären. Denn nicht nur Lieschen Müller – auch Fritzchen Müller träumt von einer Traumfrau, die ihn als den Traummann liebend umfängt und ihn aus dem Souterrain der Käseabteilung eines Warenhauses in Traumschnelle zum Generaldirektor eines Traumkonzerns befördert.

Aus den Träumen der Müllers, die von den Traumfabriken so kräftig genährt werden, scheinen die Quellen dieses Traum-Mississippis zu entspringen. Der Mensch ist nicht geneigt, sich mit der mürrischen Dürre seines täglichen Lebens abzufinden. Man träumt darum in jedem Ressort. Alles träumt, und darf es auch ungestört tun.

Nur wenn irgendein Politiker vom ewigen Frieden träumt oder ein Humanist von einer Verbesserung des menschlichen Daseins – dann wird man massiv und äußerst böse gegen solche Träume. Und gar die Dichter. Sie will man heute ohne alle Illusionen, real, brutal. Irgendwo muß ja mal Schluß sein mit dem Traum-Leben...