Innerhalb von 100 Tagen werde er, so versprach einst Harold Wilson als Oppositionsführer, die Konturen eines „Neuen Britannien“ sichtbar machen. Dann aber waren die ersten 100 Tage seiner Amtszeit eine Kette von Mißerfolgen. Wilson, etwas voreilig zum „intelligentesten Premier des Jahrhunderts“ hochgelobt, hatte zwar die Krankheit seines Landes richtig erkannt: Großbritannien ist als Industrienation alt und müde geworden. Aber der Labour-Premier ließ seiner Diagnose keine Therapie folgen. Wilson kurierte an einzelnen Symptomen herum und verließ sich im übrigen auf die Devisenhilfe des Auslandes.

Nun endlich, mehr als fünf Monate nach dem Einzug in Downing Street, scheint es Harold Wilson zu wagen, über seinen Schatten zu springen: er beginnt, den Briten klarzumachen, daß sie Opfer bringen müssen. Das „harte“ Budget, das Schatzkanzler Callaghan dem Unterhaus vorgelegt hat, bringt höhere Steuern für Autos, Zigaretten und Spirituosen. Reisedevisen müssen künftig in den Paß eingetragen werden, der Kauf von Grundstücken außerhalb Englands wird erschwert, sogar die Auslandsinvestitionen der Industrie werden beschränkt. Callaghan: „Ich räume der Verbesserung der Zahlungbilanz oberste Priorität ein.“

Die Labour-Regierung begnügt sich nicht mit Steuererhöhungen und Devisenkontrollen. Auch die Ausgaben des Staates werden gedrosselt: nach dramatischen Auseinandersetzungen wurde die Einstellung aller Arbeiten für den Bau des Atombombers TSR 2 beschlossen. Dieses Projekt hätte bis 1970 noch etwa 4 Milliarden Steuergelder verschlungen. Einer der ersten Sätze der Etat-Rede von James Callaghan lautete: „Wir nehmen nun Abschied von einem Jahrzehnt des falschen Stolzes.“

Ein vernünftiges Budget also? Zweifellos. Die Abwertungsgerüchte um das Pfund sind nun zunächst einmal verstummt. Der Entschluß, das Pfund gewissermaßen „gesundzuhungern“, ist Harold Wilson bestimmt nicht leichtgefallen – denn er gefährdet seine Politik des wirtschaftlichen Wachstums im Innern. Aber der Premier hat – mit einiger Verspätung – erkannt, daß England heute die Hilfe des Auslandes und damit Vertrauen in seine Währung braucht.

Aber die wirklich großen Entscheidungen werden erst fallen, wenn es um die künftige Struktur der britischen Wirtschaft geht. Schatzkanzler Callaghan hat sie nur angedeutet: „Es wird schwer sein, einen Gewerkschaftler an die Begrenzung seines Lohnes zu gewöhnen und noch schwerer, einen Bergmann, einen Arbeiter in der Flugzeugindustrie oder einen Eisenbahner zur Aufgabe seines Berufes zu bewegen.“

Vor Harold Wilson liegt noch ein langer Weg und manche Versuchung. Wohl die verlockendste ist die, durch eine Rückwendung zum doktrinären Sozialismus wenigstens die eigene Partei hinter sich zu scharen. Wenn Harold Wilson dieser Versuchung erliegt, dann wird seine Vision vom „Neuen Britannien“ zumindest unter seiner Regierung ein Wunschtraum bleiben. Diether Stolze