Funk

NORDDEUTSCHER RUNDFUNK

Sonnabend, 10. April, das Hörspiel:

Angst war der Anlaß: Der eine fürchtete die Amerikaner, die Entnazifizierung, er suchte ein Alibi, obwohl er nur ein „einfacher Beamter in der Vermögensverwaltung“ gewesen war, „aber die Deutschen haben überall gemordet“; der andere, aus dem KZ ausgebrochen, „ausgezeichnet mit dem gelben Stern von Bethlehem, den nur die Juden tragen durften“, bangte um seine zukünftige Existenz, damals „an einem warmen Tag im Mai“, als der Krieg zu Ende ging. Und so tauschten sie ihr Blut, der Deutsche mit dem Juden, für 50 000 Dollar auf zwanzig Jahre. Auf zwanzig.

Zwei Jahrzehnte später: „Es ist zwanzig Jahre her, und noch immer stirbt man daran.“ Das Blutgeschäft hat nichts gefruchtet. Jeremiah, der Jude mit deutschem Blut: nach einem Jahr war er immer noch ein Fremder, nach fünfzehn Jahren reicher Tierkaufmann – „Silberfüchse sind jetzt sehr gefragt“ – nach zwanzig Jahren jetzt ist er bankrott, seine Füchse hat er vergiftet. Robert, der Deutsche mit dem jüdischen Blut: die Amerikaner haben ihn nicht einmal gefragt, sie wollten keine Hutprobe, er kam auf keinen grünen Zweig, jetzt kehrt er zurück an den Ausgangsort – Krebs. Ist das Blut daran schuld? „Waren wir beide verrückt?

Jakov Lind in London lebender Österreicher, Autor von „Eine Seele aus Holz“ und „Landschaft in Beton“, dessen „Heiden“ Braunschweig im letzten Dezember urauführte, geißelt den Wahnwitz von Rassenideologien. „Jeder glaubt an Blut. Was meint man damit? Man muß die Menschen auseinanderhalten können; dumm und gescheit, reich und arm, das genügt nicht.“ Seine straff verknüpfte Folge kurzer, hart nebeneinandergesetzter Szenen will das Thema angeben, nicht eine Lösung parat halten: „Irgend etwas muß doch geschehen!“ Denn: „Mit dem Vergessen allein geht es nicht.“ Surreales schlägt allerdings oft um in Wirkliches, nicht immer ist genau zu trennen zwischen Symbolik und Realität. Die Zeichen erfüllen ihre Bedeutung immer nur in Ansätzen, sie konsequent weiterzuverfolgen, würde bedeuten, ihre Basis ins Schwanken zu bringen.