Reform oder Revolution hieß eine Sendung, die sich mit der Misere unserer Universitäten befaßte; endlich einmal wurde scharf und gnadenlos argumentiert; ein Kenner von Rang, Ralf Dahrendorf, präsentierte sich auf der Knoll-Couch vor einem ins Monumentale vergrößerten Tübingen-Stich und fand – frei sprechend, das Souffliermanuskript zu seiner Rechten mißachtend – Formulierungen, die sich ebenso einprägsam wie erschreckend ausnahmen.

Ein kleiner Bummel durch die alte Universitätsstadt am Neckar – Idyllen zeigend und Idyllen entlarvend – leitete, als szientifisches hors d’oeuvre, die Betrachtungen ein ... und Dahrendorf entdeckte in seiner Zwei-Minuten-Ouvertüre mehr Charakteristisches als der unglückselige Verfasser einer vor Monaten gezeigten Tübingen-Sendung. Im Allerheiligsten der Innenstadt, der „Theologie“ (eines mit Werken der Gottesgelehrtheit angefüllten Zimmers der Buchhandlung G.), präsidierte Ernst Bloch einem Tabaks-Kollegium ausgewählter Studenten; in der alten medizinischen Klinik zog ein Ordinarius aus, und vierundzwanzig folgten ihm nach; der eine ist ein Internist, das Doppeldutzend setzt sich aus Theologen zusammen ... ein einziger Satz, mit listiger Untertreibung gesprochen, genügte, um die anachronistische Omnipotenz eines deutschen Klinikherrschers zu charakterisieren.

Ein Witzwort, Melanchthons Burse geltend, in der heute die Dentologen regieren, leitete den Hauptteil ein; von nun an dominierte das Wort; dem Kameramann fiel nicht viel anderes ein, als immer die gleichen Gebäude, Frankfurt, Heidelberg, Berlin, in Szene zu setzen; und das reichte leider nicht aus, um die Dahrendorf-Thesen auch optisch zu vergegenwärtigen: Es gibt zu wenig Studenten; es hören zu viele Studierende auf, vor allem unter den Mädchen, ehe sie das Ziel ihrer Mühen erreichen; die Kommilitonen, der Führung und Anleitung ermangelnd: hilflos beim Übergang von der Schule zur Universität, drücken die Bänke der almae matres‚ gemessen an den Prüfungsvorschriften, um 50 Prozent zu lange; das von ihnen Erlernte reicht weder quantitativ noch qualitativ aus.

Es war ein düsteres Bild, doppelt düster im Vergleich zu anderen Ländern; je weiter die Sendung fortschritt, desto bedrückender las sich das Schuldbuch: Fehlen der interdisziplinären Forschung, mangelnde Schwerpunkt-Bildung; Ausfall ganzer Disziplinen (siebzig Jahre nach Freuds Anfängen ist die Psychoanalyse bei uns noch immer nicht gesellschaftsfähig geworden); Verwaltungs-Quisquilien, Putzfrauen-Vereidigung und Kontrolle der Mülleimerstreifen, mit denen sich die Lehrenden abplagen müssen; hundert Empfehlungsgremien, Kompetenzüberschneidung allüberall, keine Koordinierungsstelle, die zu entscheiden vermag; Fakultäten, die Reformen nicht fördern, sondern verhindern. Der Lasterkatalog war erdrückend; das geschäftig-nichtige Herumdoktern an einer Institution, die sich selbst nicht mehr zu helfen vermag, trat erschreckend zutage: „Die Hochschulen sind dabei, unsere Zukunft zu verraten.“

Ein Jammer nochmals, daß ein Text von solcher Präzision derart betulich und konventionell illustriert werden mußte. Die üblichen Kurzinterviews („eine letzte Frage noch, Herr Minister Lenz“ ... und dabei war es erst die zweite: die Cutterin hatte offensichtlich geträumt); Schlange stehende Studenten, Aktenstöße und immer wieder Hochschulportale: da hätte man sich schon etwas anderes, weniger Klischeeartiges ausdenken müssen.

Nun, das adäquate Illustrationsmaterial: eine imaginäre Fakultätssitzung etwa, die sich mit Reformen befaßt, „ich gebe zu bedenken, meine Herren Kollegen, daß nichts schädlicher als Übereilung ist; wie Spectabiiis ganz richtig betonte, müssen wir uns hüten, dem Druck der Straße zu weichen ... „das läßt sich leider so wenig filmen wie die Einkommenssteuererklärung eines Klinik-Cäsaren, der, skalpellbewaffnet, über dreihundert Betten gebietet... Momos