Nach langwierigen Auseinandersetzungen hat die Bundesregierung Ende vergangener Woche den Ausgabekurs für die Veba-Volksaktien festgesetzt. Eine 100-Mark-Aktie der Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks-AG (Veba) wird für 210 Mark angeboten. Zeichnungsanträge können vom 24. Mai an bei den Banken und Sparkassen abgegeben werden, der Zeichnungsschluß wird drei Wochen vorher angekündigt werden, so daß niemand überstürzt Entschlüsse zu fassen braucht. Eines ist allerdings heute schon sicher: Wer bei der Veba-Aktie an eine Wiederholung der sensationellen Kurssteigerungen glaubt, wie sie seinerzeit die Volkswagen-Aktie nach ihrem Verkauf an die Bevölkerung erlebte, wird enttäuscht werden. Die Veba-Aktie eignet sich nicht zur Spekulation, sie wird – so läßt sich jedenfalls vermuten – ein solides Anlagepapier werden, das seinen Wert erst in der Zukunft erweisen kann.

Der Bund hat sich mit der Teilprivatisierung der Veba schwer getan. Die Regierung war an den Termin „Sommer 1965“ aus wahltaktischen Überlegungen gebunden, da Volksaktien offenbar immer nur in einem Wahljahr ausgegeben werden können. Außerdem stand von vornherein fest, wieviel Geld in die Kasse der Veba fließen mußte. Sie hat seit langem einen aufgestauten Kapitalbedarf, der sie in ihrer Weiterentwicklung zu behindern drohte. Hier trat also der klassische Fall ein, meine verehrten Leser, der einem privaten Anleger niemals passieren sollte, in dem jemand gezwungen war, Aktien zu einem ungünstigen Zeitpunkt zu veräußern. Dann bestimmt nicht der Verkäufer den Preis, sondern der Käufer.

Die besondere Schwierigkeit bestand im Falle der Veba darin, daß ihre Aktie bisher an keiner Börse gehandelt wurde und es deshalb keinen Preis gab, an dem man sich Orientieren konnte. Man versuchte, sich durch Gutachten weiterzuhelfen. Eines ermittelte einen inneren Wert für die Veba-Aktie von 600 Prozent und mehr. Andere wollten von der Errechnung des Bilanzkurses zum vermutlichen Börsenkurs kommen. Auf diese Weise ergaben sich dann Preisvorstellungen, die zwischen 300 und 330 Prozent lagen.

Weitere Differenzen bei der Ermittlung des Veba-Aktien-Verkaufspreises entstanden durch die unterschiedliche Interessenlage der interessierten Gruppen. Das Bundesfinanzministerium hatte auf das Haushaltsrecht Rücksicht zu nehmen, das bestimmt, daß Bundeseigentum nicht verschleudert werden darf. Gegen diesen Vorwurf suchte es sich zu schützen, indem es einen möglichst hohen Preis für die Veba-Aktie forderte. Der Veba-Vorstand selbst, eigentlich nur Objekt in diesem Spiel, war ebenfalls an einem möglichst hohen Kurs interessiert. Er braucht dringend 750 Millionen in der Kasse. Ihm wäre es sicher lieber gewesen, man hätte das Kapital um nur 250 Millionen zum Ausgabekurs von 300 Prozent erhöht (und nicht – wie jetzt – um 375 Millionen zum Kurs von 210 Prozent), weil er dann künftig nur ein Aktienkapital von 700 Millionen (statt nunmehr 825 Millionen) mit Dividenden hätte zu bedienen brauchen.

Die Überlegungen des Bundesschatzministeriums waren weniger von haushaltsrechtlichen Überlegungen getragen; ihm als der Instanz, die sich die breite Eigentumsstreuung zum Zie gesetzt hat, kam es vorrangig darauf an, die Aktion zu einem Wahlschlager zu machen.

Und schließlich gab es noch die Banken, denen die Aufgabe zufällt, die Veba-Aktien „unter das Volk“ zu bringen. Sie wollen sich keinesfalls späteren Vorwürfen ihrer Kundschaft aussehen, man hätte ihr ein Papier zu teuer verkauft. Das deutsche Kreditgewerbe kennt die Schwierigkeiten genau, die heute beim Verkauf von Aktien an die Privatkundschaft bestehen, und drang deshalb darauf, bei der Festsetzung des Ausgabepreises die gegenwärtige Börsensituation gebührend zu berücksichtigen. Sie stellten Vergleiche mit anderen deutschen Aktiengesellschaften (hauptsächlich des Montanbereiches) an, und kamen zu dem Schluß, mehr als 170 bis 180 Prozent dürfte die Veba-Aktie nicht kosten.

Die Veba wird für das Geschäftsjahr 1963/64 eine Dividende von 10 Prozent auf ihr altes Aktienkapital von 450 Millionen ausschütten. Für das Geschäftsjahr 1964/65, das am 30. September endet, kündigte Bundesschatzminister Dollinger eine Neuregelung der Dividendenausschüttungen an. Mit diesem Jahr beginnend will sich der Bund immer mit einem Prozent weniger Dividende zufrieden geben, als sie die Veba-Volksaktionäre erhalten. Das heißt, für das laufende Geschäftsjahr bekommt der Bund auf 450 Millionen eine Dividende von nur 9 Prozent, die Veba-Volksaktionäre, die erst ab 1. Juli 1965 dividendenberechtigt sind, 2,5 Prozent (umgerechnet auf das ganze Geschäftsjahr sind das 10 Prozent).