Von Erwin Lausch

Das Projekt Mohole – das Vorhaben amerikanischer Wissenschaftler, ein Loch durch die Erdkruste zu bohren – hat in den wenigen Jahren seines Bestehens eine wechselvolle Geschichte durchlaufen:

Das Millionen-Projekt ist in Sektlaune beschlossen worden. Es wurde zudem von einer Vereinigung in Angriff genommen, die einige Jahre vorher als eine Parodie auf wissenschaftliche Gesellschaften gegründet worden war. Projekt Mohole wurde als "bedeutsamstes geologisches Experiment" und als "eine der größten wissenschaftlichen Unternehmungen der Menschheit" gefeiert. Dann wurde es, nachdem sich die Beteiligten offenbar hoffnungslos zerstritten hatten, als "größter wissenschaftlicher Reinfall" verlacht.

Gleichviel: heute bestehen gute Chancen, daß die Erdkruste doch noch durchlöchert wird. Administrative Schwierigkeiten sind ausgeräumt, das technische Konzept liegt vor. Vor kurzem gab die Projektleitung bekannt, wo das – nun wieder bedeutsamste – geologische Experiment stattfinden soll: mitten im Pazifischen Ozean, etwa 150 Kilometer nordnordöstlich der Hawaii-Insel Maui. Dort in der Tiefsee – die Wassertiefe beträgt mehr als 4000 Meter –, über 3000 Kilometer vom Festland entfernt, liegt nach Ansicht der Experten diejenige Stelle des Globus an der die Erdkruste am leichtesten durchbohrt und Gestein aus der nächsttieferen Schicht, dem Erdmantel, an die Oberfläche befördert werden kann.

Geologen und Geophysiker, Ozeanographen und Fachleute verwandter Disziplinen, die von dem Unternehmen eine Fülle von Erkenntnissen über den Aufbau unserer Erde, über ihre Entstehung und ihre Geschichte erwarten, dürfen wieder Hoffnung schöpfen. Sie haben gute Aussichten, bald mehr zu wissen, zum Beispiel:

  • aus welchen Substanzen das Erdinnere besteht;
  • ob die Erde in den nächsten Jahrmillionen wärmer oder kälter wird;
  • wie die Gebirge entstanden sind;
  • wann sich die großen Ozeane gebildet haben;
  • ob die Erdteile wirklich, wie die Anhänger der Kontinentalverschiebungstheorie glauben, um die Erde driften und nach welchen Gesetzmäßigkeiten sich die gewaltigen Landmassen verlagern.