Von Marcel Reich-Ranicki

Nähert sich die deutsche Literatur etwa einer „Neuen Sachlichkeit“? Oder gibt es sie gar schon seit einiger Zeit, ohne daß wir es recht gemerkt hätten?

Natürlich: nichts einfacher, als die zahlreichen Unterschiede zwischen der damaligen Strömung und den heutigen Tendenzen nachzuweisen. Wie jedoch die „Neue Sachlichkeit“ einst eine logische und notwendige Reaktion auf den Expressionismus war, so ist jetzt abermals eine Gegenbewegung mit ähnlichen Kennzeichen erkennbar.

Denn das Leben fordert wieder sein Recht. Sinn, Inhalt und Stoff gewinnen erneut Bedeutung. Eindeutig wendet man sich dem Konkreten zu. Die Geringschätzung der Psychologie gehört der Vergangenheit an. Der Begriff „Realismus“, eben noch ein Schimpfwort, ist nicht mehr verpönt und erweist sich letztens sogar als unentbehrlich.

Auch fällt es auf, daß viele der jüngeren deutschen Schriftsteller, die jetzt etwa zwischen dreißig und fünfunddreißig Jahren alt sind, vor den gewaltigen Problemen unserer Epoche zurückschrecken – was man keinem Autor verübeln sollte – und sich eher in einer nicht unsympathischen Beschränkung bewähren wollen. Sie bemühen sich um die Einzelheiten. Sie leuchten nur eng begrenzte Bereiche ab. Sie beschreiben Lebensläufe. Sie schildern die gleichmäßige Landschaft des Alltags, den das Individuum als Gatter empfindet. Und wieder steht die Frage im Vordergrund, die 1932 der Romancier Hans Fallada im Namen einer ganzen Generation gestellt hat: „Kleiner Mann – was nun?“

Was sich jetzt anbahnt, scheint mir ein aufgeklärter und bescheidener Realismus zu sein, der seine Grenzen kennt, eine vernünftige Sachlichkeit, die nicht unpoetisch sein muß, ein skeptisches und zurückhaltendes Engagement, das seine Möglichkeiten von vornherein niedrig veranschlagt, kurz: die Literatur der kleinen Schritte.

Das alles ist durchaus erfreulich und erweckt bestimmt mehr Vertrauen als die Bemühungen der ewigen Bastler und der Jongleure des Abstrakten, als das geheimnisvolle Spiel mit Chiffren und ausgeklügelten Symbolen, das oft nur ein Spiel mit gezinkten Karten war.