Von Hans Wilhelm Vahlefeld

Der Tenno verließ die Premiere schweigend – Minister Ichiro Kono erklärte, es sei eine Schande, daß dieser Film die Olympischen Spiele von Tokio repräsentieren solle – Erziehungsminister Kiichi Aichi weigerte sich, den Film für Japans Schuljugend zu empfehlen – Tokios Oberbürgermeister Ryotaro Azuma meinte, eine artistische Vision habe nichts mit Dokumentarfilm zu tun – namenlosere Kritiker aber lobten Kon Ichikawas Drei-Stunden-Film in Farbe und Breitwand über die Olympischen Spiele von Tokio als den besten, sensationellsten und visionärsten, der je über ein Weltfest des Sports hergestellt worden sei. Einen Kompromiß in der Beurteilung dieses Films wird es wahrscheinlich nicht geben. Wer Olympische Spiele als Vision eines großen Spielfilm-Regisseurs erleben will, wird von diesem genialischen Wurf begeistert sein. Wer die Tage von Tokio als Kenner und Liebhaber des Sports noch einmal in dokumentarisch getreuer Zusammenfassung der an Weltrekorden reichen Höhepunkte nacherleben möchte, wird das Kino enttäuscht verlassen.

Der leichtathletische Zehnkampf findet in Kin Ichikawas Olympia-Film nicht statt. Segeln, Rudern und Reiten tauchen nur für Sekunden in dramatisch geschnittenen Kurzmontagen auf. Boxen und Ringen erscheinen durch die Großaufnahmen als ein regelloses Gewühle von Gesichtern, Muskeln und Fleisch. Beim Schwimmen verlieben sich die Teleobjektive in die Sieger, die Breitwand füllend, einsam ihre Bahnen kraulen. Künstlerische Studien mit meisterhaft geführten Kameras und von Meisterhand geschnitten – aber keine Dokumentation sportlicher Wettkämpfe. Kon Ichikawa, einer der Großen unter Japans Spielfilm-Regisseuren, hat zugegeben, daß er von Sport nichts verstünde. Für ihn seien die Olympischen Spiele ein Traum, eine Vision. Er habe den Menschen darstellen wollen; den Sportler in seiner Einsamkeit, seiner Ausdauer und seinem Willen.

Dieses Visionäre erreicht in der Einheit von Bild, Schnitt und Ton streckenweise eine Dichte, daß dem Zuschauer der Atem stockt. So wie Kon Ichikawa hat noch kein Dokumentarfilm-Regisseur einen 100-m-Lauf gesehen. Weil es ihn nicht interessiert, ob die Schnellsten der Welt zehn oder elf Sekunden laufen, konzentriert er die Teleobjektive in Zeitlupe auf die Startvorbereitungen. Diese Szenen sind einmalig und werden Filmgeschichte machen.

Sobald der japanische Regisseur seine Visionen der sportlichen Wettkampf-Disziplin unterwirft, entdeckt er. dank der Technik einen dem menschlichen Auge nicht zugänglichen Bereich. So ist es beim Turnen der Frauen. Wer Anmut, Grazie und den Willen zum Sieg in ihrer Einheit noch einmal darstellen will, muß auf Grund dieser Bilder einen ganz neuen Filmstil erdenken. In diesen Sequenzen haben in Jahrzehnten entwickelte Formen des Dokumentarischen ihr endgültiges Ende gefunden. Genauso ist es beim 80-m-Hürdenlauf der Frauen. Er geschieht auf der Leinwand stumm, ohne Ton. Nur wenn eine Hürde fällt, folgt ein wie aus dem Jenseits kommender akustischer Schlag. Ähnliche Versuche beim Kugelstoßen wirken dagegen als vergagte Effekthascherei. Teleobjektive können entweder das Ganze verdichten oder das Ganze auflösen in komisch-groteske Details. Wahrheit und Unwahrheit der Großaufnahme folgen in diesem Film dicht aufeinander.

Hin- und hergerissen zwischen Faszination und Enttäuschung erlebt der Zuschauer dann als Finale die Vision von Marathon. Sie beginnt mit dem Lauf, dem nicht endenden Lauf eines einzelnen Menschen in die untergehende Sonne hinein. Da wird Dokumentation zur Dichtung! Vom Feld der Läufer zunächst Totalen, dann Halbtotalen, dann einzelne, dann – der einzige: Abebe aus Äthiopien. Je näher er ans Ziel kommt, je näher kommt die Kamera zu ihm. Sie faßt sein Gesicht, seinen Mund, seine Augen. Man hört den Jubel von Tausenden – die gehetzte Stimme eines Reporters, der den Lauf damals für den Rundfunk direkt kommentierte – symphonische Orchestermusik und das Sphärengeklingel abstrakter Tonschöpfer.

Wäre der ganze Film wie seine letzten Minuten vom Marathon – hätte Kon Ichikawa so wie bei diesem Finale die vom Dokumentarischen gezogene Grenze des Visionären drei Stunden lang nicht überschritten – der Film über die Olympischen Spiele in Tokio würde als Ganzes Geschichte machen. So aber bleibt sein Ruhm nur auf Teile beschränkt. Die Sache, das Ereignis, die Wettkämpfe kommen zu kurz. Sie werden auf weiten Strecken für das Visionäre manipuliert. Die Alternative zu der hier gewagten Vision heißt nicht Wochenschau, sondern Einheit von Dichtung und Dokumentation nicht nur für Minuten, sondern für drei Stunden. Dennoch: Es ist ein großartiger Film eines großen Regisseurs.