Von H. M. Nieter O’Leary

Wer Jordanien besucht, sollte sich nicht nur die heiligen Stätten in Jerusalem und Bethlehem ansehen. Auch Jerasch und die jordanische Hauptstadt Amman lohnen einen Besuch. Amman liegt am Rande der großen syrischen Wüste, deren Fernen sich bis nach Saudi-Arabien und dem Persischen Golf hinziehen. Nun braucht man ja nicht gerade einen Wüstenausflug nach dem Hedschas zu machen. Es gibt näher gelegene Sehenswürdigkeiten, wie die alte Kreuzritterburg in El Kerak. Aber allein eine Fahrt durch die Wüste ist sehr reizvoll. Wüsten sind weder wüst noch leer. Es sind Welten für sich. Mit ihren eigenen Pflanzen und Lebewesen, mit Gazellen, Wüstenfüchsen, Schakalen und Vögeln. Mit ihren eigenen Ordnungen für Karawanen und Lebensweisen der Menschen, die in der Wüste wohnen. Aber das reizvollste an Wüsten sind die Geheimnisse aus der Vergangenheit, die sie bergen.

Auch die syrische Wüste südlich von Amman macht keine Ausnahme. Seitlich vom Wadi Araba, nicht weit vom Golf von Akaba liegt die rosige Felsenstadt Petra. Die Griechen nannten die aus rosa Sandstein ausgehauene Stadt so. Rakun hieß sie, als die Edomiter sie zu ihrer Hauptstadt machten, und Edom wurde die Stadt in der Bibel genannt.

Aus der Bibel wußte man, daß die verschollene Hauptstadt der Edomiter „irgendwo in Arabien“ lag. Doch wo, blieb ein Rätsel. Fast ein Jahrtausend blieb Petra halbvergessene Legende. Bis vor zweihundert Jahren der Schweizer Jakob Burckhardt unter Lebensgefahr Petra im heutigen Jordanien wiederentdeckte. Die Stadt lag inmitten eines Gebirgskessels etwas östlich vom Wadi el Araba, dem großen Tal, das vom Toten Meer bis zum Golf von Akaba führt und heute die Grenze zwischen Jordanien und Israel bildet. Aber auch dort endet das Tal nicht, denn es ist ein Teil eines gigantischen Erdrisses, den auch Geologen nicht deuten können. Diese Erdvertiefung führt weiter durch das Rote Meer, durch Ostafrika und endet in Mozambique.

Beruflich war es mir vergönnt, viele Ruinenstädte zu sehen und dort zu arbeiten. Jedoch nur bei wenigen hatte ich das Gefühl, die Zeitgrenze überschreiten zu können. Nur selten fühlte ich das Nachklingen einstigen Lebens. Die Starre des Todes erfaßte nicht nur Menschen, sondern auch die Orte, wo sie lebten. Vergangenheit und Gegenwart sind durch eine verschwommene Zeitmauer getrennt. Bei Petra war es anders. Auch meine Begleiter spürten es. Um uns waren gleichzeitig Vergangenheit und Gegenwart. Petra ist kein Museum, man fühlt die Brücke über die Zeit. Wie könnte es auch anders sein. Petra ist umgeben von den Fragmenten biblischen Geschehens: Dem flammenden Basch, dem Mannaregen, dem Wasser des Lebens aus dem toten Felsen. Kulturen folgten auf Kulturen: Edomiter – Nabatäer – Ägypter – Griechen und Römer. Petra war immer da.

Von Amman führt heute eine gute Straße durch die Wüste entlang des Wadi el Ataba. Vorbei an der Kreuzritterburg von El Kerak durch die starre Mondlandschaft der Wüste bis zu dem kleinen Ort Ain Musa, der Quelle des Moses. Allein aus der biblischen Quelle das kühle Wasser trinken zu können, macht die staubige Fahrt der Mühe wert. Hier lagerten die Kinder Israels, ehe sie weiterzogen. Von hier sieht man auch am Horizont das Petra-Gebirge in der felsigen Wüste Zin. Die stolzen Edomiter verweigerten jedoch den Israeliten den Durchzug, und Jesaja verfluchte die Stadt (Jes. 34. 8–15).

Tatsächlich ist die Wüste hier schwarz wie Pech, und an den Berghängen nisten die Weihen und Geier. Von Petra selbst ist keine Spur zu sehen. Wenn nicht arabische Führer den Felsspalt zeigten, würde kein Besucher den Eingang finden. Nur durch den Siq, einen engen Felsencanyon, führt der Weg nach Petra. Der verborgene Eingang und die Enge waren die beste Sicherung gegen Überfälle. Oft ist der gewundene Durchgang so eng, daß man mit ausgestreckten Armen beide Seiten berühren kann. Er liegt in einem Dämmerlicht und empfängt etwas Helligkeit nur von oben. Die Schlucht zieht sich etwa einen Kilometer durch den Berg. Durch diesen Siq mußten alle, die nach Petra wollten. Beladene Kamele, Reiter und Fußgänger mußten sich einzeln durchzwängen und konnten leicht kontrolliert und abgefangen werden. Kurz vor der letzten Windung weiten sich die Felsen und umrahmen plötzlich einen Tempel aus rosarotem Stein. Statt Schatten nun Sonne. Statt Natur nun Kunstwerk von Menschenhand. Pilaster und Säulen tragen Architrave. Für jeden Besucher ist das ein unvergeßlicher Eindruck, wenn er plötzlich vor Pharaos Schatzkammer steht, wie der Tempel genannt wird. Zweifellos waren sich die Nabatäer, die den Tempel im zweiten Jahrhundert nach Christus schufen, völlig, bewußt über die Wirkung. „Chasné Faraóun“, wie die Araber das Kunstwerk nennen, ist über vierzig Meter hoch aus der rötlichen Felswand gehauen. Über der Fassade steht noch ein Tholos, ein griechischer Miniaturtempel von exquisiter Eleganz. Auf dieses Wunder blickten auch unzählige Karawanen, wenn sie in Petra rasteten. Alle Karawanen, die vom Meer nach Arabien zogen, waren tributpflichtig. Petra wurde zu einer riesigen Karawanserei und, wie Palmyra im Norden, unermeßlich reich.