Von Horst Wetterling

Das Märchen sei eine „unübertreffliche Nahrung für das Kind“, so meint Luigi Santucci in einer Studie, die vor kurzem auch in deutscher Sprache veröffentlicht wurde („Das Kind, sein Mythos und sein Märchen“). „Es dient seinem Vergnügen, mehr aber noch seiner Erziehung und hilft ihm auf dem Wege zur „Verwirklichung des eigenen Ich.“

Zwischen dem Märchen und dem Kinde walte nämlich eine eigentümliche Harmonie. „Ein Mythos verbinde beide“, so kennzeichnet der deutsche Herausgeber – es ist Professor Heinrich Roth, Ordinarius für Pädagogik an der Universität Göttingen – den wesentlichen Fund der Untersuchung, ein Mythos, „der einerseits dem Kinde abgelauscht, andererseits zu seinem heilen Werden erfunden sei“.

Wie nun, wenn das Märchen den Kindern unserer Tage kaum noch Vergnügen bereitet?

Wenn mich nicht alle Erfahrungen täuschen, die ich im Umgang mit Kindern gewinnen konnte, so können sie der „Vermenschlichung der Tiere und Gegenstände, dem Übertragen der Ereignisse ins Märchenhafte, dem fortwährenden Dramatisieren der Ausdrucksmittel“, Momenten, in denen Luigi Santucci einen Niederschlag „umfassender, positiver und konstruktiver Fähigkeiten einer Psyche von ganz ursprünglicher Struktur“ sieht, nur wenig Geschmack abgewinnen.

Versuche ich – es geschieht dies schon zaghaft genug – anzudeuten, daß die Löcher im Wurzelgeflecht eines alten Baumes wohl von Zwergen herrühren, die dort ihre Wohnung haben, so halten sie mir unverblümt entgegen, es seien eher Wühlmäuse oder gar Füchse, die hier am Werk gewesen wären; bin ich erbötig, ihnen die Geschichte von Schneeweißchen und Rosenrot zu erzählen, so verlangen sie unvermittelt nach einem exakten Bericht über das Weißbart-Gnu, über eine Kuhantilope also, die wiederum für mich, da sie Züge des Pferdes, des Rindes und der Antilope in sich vereint, ein seltsames, wenn nicht gar märchenhaftes Gepräge hat; lasse ich etwas von den Tugenden einfließen, die König Drosselbart in mancher Anfechtung halfen, so bringen sie mich unversehens auf die Weltraumfahrer; und ständig schlägt mir die vorwurfsvolle Frage entgegen: „Ist das auch alles wahr, was du erzählst?“

Wie nun, wenn sich unter dem, was man heutzutage den Kindern ablauschen kann, kaum Märchen oder auch nur märchenhafte Wendungen finden?