Berlin, im April

Berlin empfing den Bundestag mit freudiger Erwartung, entließ ihn dagegen mit gemischten Gefühlen. Die Bewohner der Stadt erblicken in Bundestagssitzungen in Berlin eine Bestätigung ihrer Zugehörigkeit zum Bund; heute fragen sie sich, ob alles noch so ist, wie es vorher war, und ob nicht der gefürchtete Status quo minus eingetreten ist.

Was sie bedrückt, ist nicht die östliche Machtdemonstration, sind nicht die Störmanöver auf den Verbindungswegen und der Düsenjägerlärm über der Stadt, der in Ostberlin ebenso viele Fensterscheiben zerschlug wie in Westberlin. Nur die alte Abneigung gegen die Sowjets ist wieder aufgelebt. Die Russen sind darob einigermaßen erstaunt. Sie hatten eigens ihren Marschall Gretschko, der die Armeen der Warschauer Paktstaaten befehligt, nach Ostberlin entsandt, damit er dort mit fester Hand die Akion in den abgesteckten Grenzen halte. Möglicherweise hat Gretschko sogar dafür gesorgt, daß einige dringende Wünsche Ulbrichts unerfüllt blieben. So ist beispielsweise keines der Flugzeuge, die Bundestagsabgeordnete transportierten, zur Landung auf dem Hoheitsgebiet der DDR veranlaßt worden.

Bedrückt sind die Berliner des Eindrucks wegen, den die östliche Demonstration auf die westlichen Schutzmächte gemacht hat. Die Berliner möchten deren Gegenwart missen, aber es scheint ihnen, als ob diese Gegenwart in die Krise der letzten Woche nicht sichtbar genug gewesen sei. Sogar der Regierende Bürgermeister – sonst sorgsam darauf bedacht, nichts auf die Schutzmächte kommen Zu lassen – meinte in einem Interview, er hätte sich etwas mehr alliierte Präsenz im Berliner Luftraum gewünscht.

Am meisten gelitten hat jedoch das Ansehen des Bundestages: sechseinhalb Jahre ist er Berlin ferngeblieben, und immer wieder hat sein Präsident versichert, bald werde er kommen. Zur Eröffnung der Sitzung bekundete Dr. Gerstenmaier dann das Recht des Parlaments, in Berlin zu tagen. Danach aber ließ er eine Debatte abrollen, deren Banalität jedermann schockierte. Brandt, der ursprünglich reden sollte, verzichtete auf das Wort, weil ihn Gerstenmaier darum ersucht hatte; es bestand die Gefahr, daß sonst noch andere Parteiführer hätten sprechen wollen, und es wäre eine Debatte entsanden, die über die Absichten des Präsidenten hinaus ging. Auch in der Fragestunde mußten Fragen nach gesamtdeutschen Kommissionen unter alliiertem Dach und nach diplomatischen Beziehungen mit ost- und südosteuropäischen Staaten unter den Tisch fallen. Der Präsident wollte eine „normale“ Bundestagssitzung in Berlin. Die Berliner aber fanden, daß die Grenzen der Normalität über- oder unterschritten wären.

Als fragende Journalisten ihn bedrängten, räumte Gerstenmaier ein, daß diese Beschränkungen auf einer „freundschaftlichen Vereinbarung“ mit den Schutzmächten fußten. Die Berliner aber kritisierten, das einzige freigewählte Parlament in Deutschland habe für seine Berliner Sitzung Auflagen erhalten und akzeptiert. Eine „Husch-Husch-Sitzung“ nannte ein Berliner Leitartikler das Ereignis. René Bayer