Mailand, Mitte April

Das Kursdiagramm der Mailänder Börse spiegelt seit 1960 den Aufschwung und krisenhaften Verlauf der italienischen Wirtschaft, die politische und soziale Unrast und die spekulativen Manöver zwischen Erholung und Verfall, zwischen Hoffnung und Unbehagen, eindringlich wider. Seit fünf Jahren beeinflussen diese drei Faktoren – Wirtschaft, Politik und Spekulation – den Effektenmarkt und prägen bei zeitlich unterschiedlicher Dominanz eine verwirrende, sprunghaft nach oben und unten wechselnde Kursbewegung.

Der konjunkturelle Aufschwung der italienischen Wirtschaft setzte im unmittelbaren Anschluß an den Wiederaufbau 1951 ein und hielt bis gegen Ende 1961 an. Dann folgte dem „Miracolo economico“, dem apenninischen Wirtschaftswunder, die „Apertura a sinistra“, die Regierungskonzeption der linken Mitte. Mit ihr geriet die Zahlungsbilanz aus dem Gleichgewicht, und 1962 nahm die Inflation überhand. Sie überdeckte 1963 durch eine künstlich gesteuerte Expansion nur vorübergehend die inzwischen eingetretenen ökonomischen Schwächen und führte 1964 zu einer ernsten Währungskrise, die lediglich mit einer internationalen Überbrückungshilfe im Betrage von einer Milliarde Dollar beseitigt werden konnte. Zurück blieb jedoch eine Rezession, die auch heute noch nicht überwunden ist.

In parallelem Trend verliefen die Aktiennotierungen. Der Generalindex der Mailänder Börse auf der Basis 1938 = 1 hatte bis 1959 auf etwa 75 Punkte angezogen, erreichte im September 1960 mit 140,4 seinen absoluten Höchststand und senkte sich dann unter sehr starken Schwankungen bis Ende 1963 auf etwa 80 Punkte. Markante Stationen in diesem Krebsgang waren die rigorose Verstaatlichung der Elektrizitätswirtschaft, die Einführung einer hohen Dividendensteuer und der Ausgang der Parlamentswahlen im Frühjahr 1963. Der Stimmanteil der Kommunisten, der damals nur noch 10 Prozent hinter dem der Christ-Demokraten zurückblieb, löste eine allgemeine Beunruhigung und alarmierende Angstverkäufe für in- und ausländische Rechnung aus. Das erschütterte Vertrauen bekamen in erster Linie Spitzenwerte wie Edison, Fiat, Montecatini, Pirelli, Snia Viscosa und andere zu spüren. Als im Spätsommer 1963 die Preise, Ernährungskosten, Mieten und Löhne rapid in die Höhe schnellten und die von der Regierung in die Wege geleiteten Stabilisierungsaktionen ohne Wirkung verpufften, und als obendrein Gerüchte auftauchten, daß eine neue Koalitionsregierung der linken Mitte weitere Eingriffe in die Wirtschaftsführung vornehmen würde, wurden alle vorausgegangenen Erholungsansätze im Keim erstickt.

Eine Baissewelle folgte der anderen, und der Index glitt auf 74 Punkte, auf das Niveau von 1959, zurück. Gegen Jahresschluß trat eine leichte Besserung ein, als Börsenkreise in dem Programm des Kabinettes Moro Anhaltspunkte für eine Gesundung der ökonomischen Situtaion entdeckt zu haben glaubten. Sie irrten – 1964 kam die Rezession erst recht in Schwung; es wurde zum „schwarzen“ Börsenjahr. Der Index, der den Kursdurchschnitt am 2. Januar noch mit rund 80 Punkten angezeigt hatte, fiel in den Sommermonaten bis auf 49,53, zog dann wieder etwas an, beschloß jedoch das Jahr auf dem Tiefpunkt. Während des ersten Quartals 1965 war der Mailänder Platz überaus nervös, zum Teil aber sehr fest. Der Index vermochte vorübergehend fast auf 65 Punkte, oder um mehr als 23 Prozent, seit Jahresbeginn anzuziehen.

Hierin spiegelt sich die Neuorientierung der italienischen Wirtschaftspolitik wider. Als sich die Regierung nach vielerlei fehlgeschlagenen oder zu spät eingeleiteten monetären und fiskalischen Experimenten 1964 schließlich vor die Wahl gestellt sah, der äußeren oder der inneren Sanierung den Vorzug zu geben, weil sie beide zugleich nicht zu bewältigen vermochte, entschloß sie sich zur Währungsstabilität. Diese Politik hatte zur Folge, daß zahlreiche Unternehmen nur noch zu 65 bis 70 Prozent ausgelastet sind. Bis Ende 1964 wurden 122 000 Arbeitskräfte entlassen, eine größere Zahl arbeitete verkürzt. Die in Anspruch genommenen Leistungen der Lohnausfallkasse stiegen innerhalb eines Jahres von 3 auf 13 Milliarden Lire. In der Bauwirtschaft sind die Investitionen nicht mehr rückläufig. Die Textilindustrie meldet eine Produktionseinbuße von 8,2 Prozent für 1964, der Maschinenbau sogar 17,9 Prozent.

Um der anhaltenden Rezession entgegenzuwirken, die Arbeitslosigkeit zu beheben und die Grundlage für eine neue Expansion zu schaffen, kurz das interne Gleichgewicht wiederherzustellen, hat die Regierung Mitte März ein konjunkturpolitisches Sofortprogramm verkündet. Sein Schwergewicht liegt im Bereich der Bauwirtschaft, der neben anderen Förderungsmaßnahmen unverzüglich 650 Milliarden Lire zur Finanzierung öffentlicher Arbeiten – zum Bau von Schulen, subventionierten Wohnungen, Hafenanlagen usw. – zur Verfügung gestellt werden. Es ist geplant, die Mittel zu einem großen Teil durch Auslandsanleihen, darunter auch eine fünfeinhalbprozentige 100-Millionen-Mark-Anleihe, zu beschaffen. Zur Wiederherstellung des Gleichgewichtes zwischen Ersparnisbildung und Investitionen sowie zwischen vorhandenen und ausgelasteten Produktionskapazitäten bedarf es doch noch anderer Mittel, als vorwiegend den Aufwand öffentlicher Unternehmen zu forcieren. Die Privatwirtschaft bezweifelt denn auch, daß die Maßnahmen ausreichen, eine nachhaltige ökonomische Gesundung herbeizuführen.

Die in den letzten Wochen beträchtlichen Kursschwankungen zeigen denn auch, wie unterschiedlich der Erfolg der eingeleiteten Maßnahmen beurteilt wird. Die Börsenspekulation in Italien und auch in anderen Ländern Europas sah in den niedrig bewerteten italienischen Aktien beträchtliche Chancen, die zum Teil genutzt wurden. Es fehlt aber weiterhin das Vertrauen der breiten Anlegerschicht, die sich noch nicht darüber im klaren ist, ob die politische und wirtschaftliche Krise bereits überwunden werden konnte und nun ein neuer Aufschwung bevorsteht, der eine Rückkehr zu vernünftigen Unternehmenserträgen erlaubt. Und darauf kommt es dem Aktienanleger schließlich an. Unter diesen Aspekten ist der Auftrieb am Mailänder Effektenmarkt mit Vorsicht zu betrachten. Er hat gewiß vorhandene Übertreibungen negativer Art ausgeglichen und war insoweit wohl auch berechtigt. Für die weitere Kursgestaltung wird entscheidend sein, ob die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, daß die großen italienischen Gesellschaften wieder Anschluß an ihre internationale Konkurrenz finden können. Herbert Kleinschmidt