Von Waller Mediger

Werner Markert (Herausgeber): Deutschrussische Beziehungen von Bismarck bis zur Gegenwart; W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart; 236 Seiten, 9,80 DM.

Im Oktober 1963 feierte die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde ihr fünfzigjähriges Bestehen mit einem Vortragszyklus über die deutsch-russischen Beziehungen von Bismarck, besser gesagt von der Reichsgründung bis zur Gegenwart; dieser liegt jetzt gedruckt vor, er soll, entsprechend den Bestrebungen der Gesellschaft, auch weitere Kreise mit den darin behandelten Problemen bekannt machen.

Den Beginn bildet ein Referat Wittrams über „Bismarck und Rußland“, worin die Ergebnisse der bisherigen Forschungen des Verfassers zu diesem Thema zusammengefaßt sind. Mit Recht hebt Wittram die Fragwürdigkeit der weit verbreiteten Vorstellung von Bismarcks Verhältnis zu der östlichen Großmacht hervor. Der Satz: „Das herkömmliche Wort von der Freundschaft Bismarcks für Rußland bedarf... der Nachprüfung und Erläuterung“ kann als Leitmotiv dieser Ausführungen bezeichnet werden.

In einem gewissen Gegensatz hierzu steht der Festvortrag von Markert, der die Gründung der „Deutschen Gesellschaft zum Studium Rußlands“ auf dem Hintergrund der spannungsgeladenen Situation am Vorabend des Ersten Weltkrieges behandelt. Die hier gegebene Schilderung der außen- und innenpolitischen Lage Rußlands und des Reiches nach dem ersten Balkankrieg enthält eine deutliche Spitze gegen Fischers umstrittenes Buch „Griff nach der Weltmacht“. Durchaus zutreffend kennzeichnet Markert die in den Regierungskreisen und im Reichstag vorherrschende Stimmung als Sorge, ja, Ratlosigkeit angesichts der zunehmenden Verschlechterung der Stellung Deutschlands. Er unterstreicht den defensiven Charakter der Erwägungen Bethmann Hollwegs, der offenbar ebenfalls unter dem Druck der allgemeinen Furcht vor der „drohenden slawischen Gefahr“ stand. Eben dies wirft Markert jedoch dem Reichskanzler vor, daß er Rußland „nach den Klischeevorstellungen seiner Generation... schlechthin als eine gefährliche und Deutschland feindliche Macht außerhalb der eigentlichen europäischen Kultur“ beurteilt habe und als einzigen Ausweg eine Verständigung mit England gesucht habe.

Demgegenüber wird von Markert einer der Mitbegründer der Gesellschaft, Otto Hoetzsch, als Künder und Vorkämpfer einer „Ostorientierung“ herausgestellt, deren Richtigkeit nach dem Ausbruch des Krieges durch das Verhalten Englands und die deutschen Bemühungen um einen Sonderfrieden gerade mit Rußland erwiesen sei. Darüber werden die Meinungen wohl stets auseinandergehen. Mag man im übrigen Hoetzich’ Verdienste um die Erforschung Rußlands nach so hoch einschätzen, so scheint uns doch die wissenschaftliche Leistung und Bedeutung des Historikers Stählin auf diesem Gebiet in dem sonst dankenswerten Überblick über die Entwicklung der Osteuropastudien in Deutschland zu kurz gekommen zu sein: Stählin wird nur einmal beiläufig erwähnt.

Zwei Beiträge, von Geyer und Löwenthal, sind dem Verhältnis Lenins zum deutschen Sozialismus, ferner der bolschewistischen Führung zu den deutschen Kommunisten gewidmet. Auch in der Abhandlung von G. von Rauch über „Stalin und die Machtergreifung Hitlers“ steht dieser Aspekt, die Abhängigkeit der deutschen Kommunisten von der Moskauer Zentrale und ihre Dirigierung, Mißleitung und Preisgabe durch Stalin, im Vordergrund. Rauchs Untersuchung deckt die Gründe für Stalins eklatante Fehleinschätzung des Nationalsozialismus auf und zeigt eine überraschende Parallele zwischen seinen Motiven und Erwägungen angesichts der Machtergreifung Hitlers und bei seiner Entscheidung im August 1939. Rauch weist nach, wie lange der Pakt mit Hitler als die eine Möglichkeit, der Bedrohung durch das nationalsozialistische Deutschland zu entgehen, in Stalins Denken vorbereitet war.