Washington, im April

Präsident Johnson hatte kaum seinen Vorschlag vorgelegt, der wirtschaftliche Hilfeversprechen für Südostasien mit dem Angebot bedingungsfreier Friedensgespräche für Vietnam verbindet, da äußerten einige republikanische Kongreßmitglieder auch schon Zweifel, ob der Friede sich mit einer Milliarde Dollar erkaufen lassen werde. Andere Skeptiker spöttelten, Johnson schwelge in der Erinnerung an die Tennessee Valley Authority, das großartige Bewässerungs- und Elektrifizierungsprojekt, das Roosevelt zur Bekämpfung der Depression ins Leben gerufen hatte. Wenn der Präsident jetzt beabsichtige, das fruchtbare Mekong-Delta in eine Reiskammer für ganz Südostasien zu verwandeln und Nordvietnam mit an die Schüssel zu setzen, so knüpfe er an jene Tradition an. Die demokratische Kongreßführerschaft legt Lippenbekenntnisse zum Johnson-Plan ab, doch ist nirgendwo große Begeisterung zu spüren. Manch einer befürchtet, es gehe nur um eine Neuauflage der Auslandshilfe – konkret: um die Aussicht, noch mehr Dollars wirkungslos zu verschwenden.

Diese Kritik geht jedoch am Kern des Vorschlages vorbei. Dem Präsidenten kommt es weniger darauf an, den Frieden zu erkaufen, als vielmehr darauf, eine südostasiatische Solidarität zu schaffen, aus der die bisher fehlende Interessengemeinschaft zwischen den Völkern Südostasiens und den Vereinigten Staaten zur Eindämmung des chinesischen Einflusses erwachsen kann. Daher sprach Johnson von dem ersten Schritt, den die südostasiatischen Nationen tun müßten, um sich in einer kooperativen Anstrengung zur Wirtschaftsentwicklung zusammenzutun. Die Hilfe soll den beteiligten Nationen möglichst nicht individuell, sondern kollektiv für Gemeinschaftsvorhaben gewährt werden.

Es ist daran gedacht, in den Plan alle Länder östlich von Indien – außer Indonesien – einzubeziehen; wohlhabende asiatische Nationen wie Japan sind bereits aufgefordert worden, sich daran zu beteiligen. Washington will auch seine europäischen Verbündeten ersuchen, sich an diesem Entwicklungsprogramm zu beteiligen, das auf lange Sicht zu einer wirtschaftlichen Immunisierung gegen die Klassenkampfpropaganda Pekings führen soll.

Das Programm Johnsons unterscheidet sich insofern beträchtlich von der bisherigen wirtschaftlichen Entwicklungshilfe. Es soll eingeleitet werden, noch ehe der Friede in Südostasien wieder hergestellt ist. Auf die Haltung Hanois hat es vorerst keinen Einfluß gehabt. Johnsons Voraussage in seiner Rede vor der John-Hopkins-Universität in Baltimore scheint sich zu bewahrheiten: „Wir müssen auf einen langen Konflikt vorbereitet sein.“ Denn wenn der Präsident auch Friedensgespräche ohne Vorbedingungen anbot, so bleibt doch die Bedingung aufrechterhalten, daß Südvietnam aus dem Ende des Konfliktes als völlig unabhängiger, vor der kommunistischen Durchsetzung gesicherter Staat hervorgehen müsse. Peking und Hanoi aber wollen genau das Gegenteil. Mag sein, daß sie nun sogar auf einen schnelleren Sieg des Kommunismus hinarbeiten, ehe Südostasien unter dem Plan Johnsons wirtschaftlich stabilisiert wird. Joachim Schwelien