Von Werner Höfer

Alijah – das ist das Gegenstück zu „Exodus“ und das Gegenteil von „Kinderkreuzzug“. Alijah ist die größte Jugend-„Bewegung“, wörtlich verstanden, aller Zeiten, die größte Kindereinwanderung der Geschichte. Alijah bringt jüdische Kinder aus aller Welt in den einzigen jüdischen Staat der Welt. Alijah ist älter als der Staat Israel und fast dreimal so alt wie das Tausendjährige Reich. Alijah wurde im zweiten Jahr des Dritten Reichs in der Reichshauptstadt ins Leben gerufen und will nun, 31 Jahre später, in der Bundesrepublik und in Westberlin von neuem aktiv werden. Diese Aufgabe hat Rita Bockelmann, die Frau des früheren Frankfurter Oberbürgermeisters und jetzigen Kölner Hauptgeschäftsführers des Deutschen Städtetages, als einstimmig gewählte Patronin der Kinder- und Jugend-Alijah übernommen.

„Wie kam es dazu?“

Rita Bockelmann, die nur mit halber Stimme spricht, aber mit ganzem Herzen bei der Sache ist, die zurückhaltend auftritt, aber kräftig zuzupacken versteht, berichtet von ihren Israel-Reisen und von dem Ansehen und Wirken der Frauen in diesem Pionierland.

Wie überall in der Welt und wie immer in der Geschichte, wenn ein Land erschlossen oder verteidigt werden muß, sind im Israel unserer Tage die Frauen nicht nur dem Buchstaben nach gleichberechtigt. Fast jede israelische Frau ist berufstätig, dennoch, so meint Frau Bockelmann, sei das Leben in der israelischen Familie von beispielhafter Harmonie und die Kinder wahrhaftig der Stolz und das Glück ihrer Eltern. Erziehung und Ausbildung aber könnten, so wie das Leben dort nun einmal ist, von den Eltern allein nicht bewältigt werden; hier beginne die Arbeit der Alijah, die in Kinderdörfern und Kinderheimen und vergleichbaren Einrichtungen sich der jungen Menschen annehme. Diese Zöglinge haben nur eins gemeinsam: Kinder jüdischer Eltern zu sein. Abgesehen davon unterscheiden sie sich auf mannigfache Weise: nach dem Land, aus dem sie kommen, nach dem Milieu, aus dem sie stammen, nach der Begabung, die sie mitbringen, nach der Neigung, der sie folgen möchten.

Alijah sorgt für Erziehung und Ausbildung dieser Kinder, ohne daß der Kontakt mit den Eltern gefährdet wird. Die einzelne Familie könnte ihre Kinder gar nicht in angemessener Weise auf ihre Stellung in der Gesellschaft und für den Dienst an ihrem Land vorbereiten. Die besten Bauern, die besten Lehrer, die besten Soldaten kommen aus den Alijah-Dörfern. Kinder, dort aufgewachsen und herangebildet, so meint Rita Bockelmann, würden zugleich die besten Erzieher ihrer Eltern: in der Beherrschung der Landessprache und auch in der Anpassung an die ungewohnten Lebensbedingungen.

„Da es in Israel kaum etwas gibt, was nicht auf irgendeine, meist tragische Weise mit Deutschland und mit den Deutschen zu tun hat, dürfte dieser Schicksalszusammenhang wohl auch für die Gründung dieser Organisation gelten?“