MÜNCHEN (Galerie Friedrich + Dahlem):

„Dante-Illustrationen von Rauschenberg und Botticelli“

Die beiden jungen Galeristen aus derMaximilianstraße kommen im Dante-Jahr 1965 den offiziellen Feierlichkeiten mit einer ausgepichten hommage an Dante zuvor, indem sie zweier Meister Illustrationen zum Inferno präsentieren. Rauschenberg und Botticelli: ein Scherz, ein Schock, ein Gag mit tieferer Bedeutung. Die Rauschenberg-Blätter haben bereits als Leihgaben des Museum of Modern Art die Runde durch Krefeld, Dortmund, Hamburg, Stuttgart und Berlin gemacht. Hier werden nicht die Originale gezeigt, vielmehr vorzüglich gedruckte Reproduktionen, eine Mappe mit den 34 Blättern ist in einer Auflage von 300 Exemplaren bei der Edition Mac Adams herausgekommen und wird in Deutschland von der Galerie Friedrich + Dahlem vertrieben. Rauschenberg transponiert Dantes Terzinen in amelikanischen Slang, ein verpoptes Inferno, Hölle ist überall, ihre Bewohner sind aus Zeitungen und Sportjournalen ausgeschnitten. Virgil figurieit als Baseball-Schiedsrichter, als antike Statue, als Stevenson, dann wird Dante zu Kennedy, häufig erscheint er als Sportler in der Badehose, die Höllenfahrt geschieht im Rennwagen oder im Astronautenhabit. Rauschenberg arbeitet in seiner Photo-Frottage-Technik: das Zeitungsbild wird auf das Zeichenblatt „frottiert“, der verwischte Abdruck wird mit Guache, Aquarell, Pastell, Kreide weitergemalt und mit anderen „Druckfragmenten der Realität“ kombiniert. Auf dem gleichen Blatt werden, wie bei Botticelli, mehrere Szenen simultan dargestellt, die Aufmerksamkeit, mit der Rauschenberg den Text studiert hat, ist ebenso rührend wie die Naivität, mit der er ihn aktualisiert. Dante-Kenner werden die Amerikanismen leicht entschlüsseln und Details der Divina Commedia wiedererkennen, die freilich mit farbigen Nebeln übersprüht und labyrintisch durcheinandergebracht sind. Der Inhalt des XXXI. Gesanges wird von F. Lippmann, der 1896 die Botticelli-Illustrationen ediert hat, folgendermaßen angegeben: „An der Felswand der letzten Schlucht hinschreitend, hört Dante den dröhnenden Schall eines Hornes. Bald sieht er riesige Gestalten, die er anfangs für Türme hält, emporragen. Es sind gefesselte Giganten ...“ Botticelli, wie man sieht, arbeitet mit der reinen Umrißzeichnung, die Linie ist mit einem weichen Metallstift ins Pergament (Ziegenleder) gezogen und mit der Feder in brauner oder schwarzer Tinte weiter ausgeführt. Die Schönheit der Zeichnung, die mit der idealisierenden Renaissance-Pose, mit der „sanften Schwermut“ der Gesichter, dem delikaten Arrangement der Figuren nicht identisch ist, läßt sich wahrscheinlich schwerer akzeptieren als die hemdsärmelige Direktheit des Amerikaners. Die Gegenüberstellung der beiden Meister ist nicht nur extravagant, sie bringt zwei Epochen auf ihre extreme Formel, ein Schulbeispiel für die Dialektik zwischen der – nicht mehr akzeptierten – Vollkommenheit und der – gängigen, zu leicht akzeptablen – Unvollkommenheit. – Bis zum 22. April.

HAMBURG (Kunsthalle):

„Seiten gezeigte Bilder II“

Französische, belgische und vor allem englische Maler des 19. Jahrhunderts, die, aus Raumgründen oder weil sich der Zeitgeschmack gewandelt hat, im allgemeinen nicht zu sehen sind. Das Vergnügen an dieser Sonderschau, die bis zum 9. Mai dauert, ist außerordentlich. So sehen die Bilder aus, für die zu ihrer Zeit Unsummen bezahlt wurden. Meissonnier, Jean-Louis Gérome („Phryne vor ihren Richtern“ – ein peinlich akademischer Triumph weiblicher Schönheit). Sir Lawrence Alma-Tadema schildert antike Bacchanalien im viktorianischen Gesellschaftsstil, ein Hamburger Bankier erwarb die Schinken für je 200 000 Mark und vermachte sie der Kunsthalle, sie werden vermutlich für immer im Magazin bleiben, während Dante Gabriel Rossettis „Helen of Troy“ bald wieder in der Schausammlung placiert werden dürfte: die Rehabilitierung der Präraffaeliten ist in vollem Gange. Der „Ossian“ von Gérard, die Bilder von William Doyce, von Troyon, von Rosa Bonheur demonstrieren die Relativität des Urteils, dem Betrachter bleibt es überlassen, sich über die Kunst der Gegenwart entsprechende relativierende Gedanken zu machen. Professor Hentzen resümiert: die Museen tun gut daran, ihre magazinierten Bestände nicht, wie das häufig gefordert wird, zu verkaufen, sie müssen die Wiederkehr der Bilder, ihre mögliche Aufwertung in Rechnung stellen. g. s.