Von Dietrich Strothmann

Wir dürfen uns freuen, daß Staat und Kirche in diesem Vertragswerk sich gegenseitig zu friedlichem Zusammenwirken verpflichtet haben." So lobend kommentierten Niedersachsens katholische Bischöfe die Unterzeichnung des Konkordats zwischen Hannover und Rom voller Dankbarkeit. "Der Geist und der Verlauf der Verhandlungen haben eine Atmosphäre und Kontakte geschaffen, die eine gute und freundschaftliche Handhabung des Vertrages erwarten lassen", fiel der niedersächsische Ministerpräsident Dr. Georg Diederichs in den Chor der Gratulanten ein. Und tatsächlich: beide, Kirche und Staat hatten im Augenblick, da Nuntius Corrado Bafile mit päpstlicher Genehmigung und Diederichs mit Zustimmung seines Kabinetts im Regierungsgästehaus zu Hannover ihre Unterschriften unter das zweisprachige Dokument setzten, allen Grund zur hoffnungsvollen Laudatio.

Gerade im rechten Augenblick, kurz vor den Bundestagswahlen, konnten sich die von so manchem katholischen Bischof einst als "antiklerikal" abgewerteten Sozialdemokraten als tolerant und kirchenfreundlich präsentieren. Niedersachsen, regiert von einem SPD-FDP-Kabinett, ist immerhin das erste Bundesland, das nach 1945 ein Konkordat mit der Kurie abgeschlossen hat. Und auch die Kirche konnte zufrieden sein. Die zwanzig Artikel des Vertragswerkes und die dazugehörende Schulgesetznovelle sichern ihr in dem vorwiegend evangelischen Niedersachsen (18,8 Prozent Katholiken) Rechte und Gewinne, wie sie einer Minderheitenvertretung nur selten in diesem Ausmaß zugestanden werden. Beide fühlen sich nun als Gewinner einer zuweilen recht mühevollen Partie.

Rühmen sich heute Diederichs Emissäre, Rom habe mit dem Konkordat offiziell den vom Staat geförderten Typ der Mittelpunktschulen als bildungspolitische Notwendigkeit und die SPD als verhandlungswürdigen Partner anerkannt, so verweist die Kurie auf ihre Erfolge: daß Hannover den Aufbau neuer Bekenntnisschulen erleichtern, die Anstellung katholischer Lehrer fördern und für die Errichtung einer katholisch-theologischen Fakultät in Göttingen Sorge tragen will. Doch damit nicht genug. Zum erstenmal wurde in einem Konkordat auch festgelegt, daß der Kirche in Rundfunk und Fernsehen Sendezeiten zustehen und daß in den Programmen das "religiöse Empfinden der katholischen Bevölkerung nicht verletzt" werden dürfe. Ein Novum ist es zudem, daß der religiösen Erwachsenenbildung staatliche Zuschüsse garantiert werden.

So haben am Ende beide gewonnen und verloren. So wurde nach vierjährigen Geheimverhandlungen Ende Februar ein Kompromiß-Konkordat unterschrieben, mit dem zumindest seine Väter zufrieden sind. Der Kirche gehört, was der Kirche, dem Staat, was dem Staate ist. Der Weg, so schien es, war frei, die Zeiten des Kulturkampfes sollten endgültig der Geschichte angehören. Vergessen war das Jahr 1957, als die Kurie als Kläger vor dem Bundesverfassungsgericht ihren Streit um die Gültigkeit des Reichskonkordates (1933) verlor, begraben auch die Erinnerungen an die Demonstration der 50 000 Katholiken, die 1954 mit Transparenten, die Hitler und den damaligen Ministerpräsidenten Kopf zeigten ("Hitlers Verderben seid ihr die Erben?"), vor dem Kultusministerium in Hannover gegen das Schulgesetz Sturm liefen.

Zehn Jahre nach dem Beginn der Verhandlungen mit der evangelischen Kirche Niedersachsens, die 1962 zu dem "Loccumer Vertrag" führten, erfüllte sich nun endlich auch der Wunsch des verstorbenen Konkordats-Vorreiters Hinrich Wilhelm Kopf: "Die Landesregierung ist bereit, auch mit der katholischen Kirche einen Staatskirchenvertrag abzuschließen. Damit soll eine für beide Teile angemessene und klare Neuregelung des Verhältnisses von Staat und Kirche dem Abschluß nahegebracht werden." Die Parität zwischen den Kirchen und dem Staat, die durch den Vertrag von Loccum gestört war, wurde mit dem Konkordat wiederhergestellt.

Der gemessene Jubel, der bei der Hannoveraner Paraphierungszeremonie aufklang, war indessen verfrüht, der Stolz, der Diederichs Brust schwellen ließ, wich alsbald Zorn und Empörung: Kaum waren nämlich die ersten, noch vagen Einzelheiten über die Zugeständnisse der niedersächsischen Konkordat-Delegation nach außen durchgesickert, da gingen auch schon die Gegner des Kirchenvertrages auf die Barrikaden, die neuen Kulturkampf-Fahnen fest in Händen. Betroffen mußte Hannovers Ministerpräsident registrieren, daß sich der Widerstand diesmal vornehmlich aus den eigenen Reihen rekrutierte. Erst war es die Generalkonferenz der lutherischen Geistlichen Ostfrieslands, die vor einer "Bedrohung der freiheitlichen Entwicklung des Landes" warnte und den politischen Machtzuwachs der Kirche, die "Konfessionalisierung des öffentlichen Lebens" brandmarkte; es folgte der Ostfriesische Lehrerverband, der die Ausbreitung katholischer Zwergschulen in düsteren Farben an die Wand malte und die "Vertreibung der Kinder aus evangelischen Schulen" prophezeite; ihm schloß sich der "Gesamtverband Niedersächsischer Lehrer" an, der an Hand mehrerer Gutachten aus der Feder des Prominenten-Anwaltes Augstein nachwies, daß der christlichen Simultanschule als Regelschule schlimme Gefahr drohe. Gerade die Vorhaltungen dieser Organisation, in der rund 20 000 Volksschullehrer zusammengeschlossen sind, mußte die Sozialdemokraten hart treffen: Der Verband gehört dem Deutschen Gewerkschaftsbund an. Die unangenehmste Überraschung aber sollte erst noch kommen – der Abfall des Koalitionspartners, der Freien Demokraten. Damit hatte in Hannover niemand gerechnet. Die abrupte Kehrtwendung der FDP geschah tatsächlich unter Umständen, die recht eigenartig anmuten.