Alle 41 Minuten beklagt man in der Bundesrepublik ein Verkehrsopfer, das nicht erst ins Krankenhaus, sondern gleich ins Leichenhaus gebracht wird. Und unter den tödlich Getroffenen finden die Gerichtsmediziner immer wieder frische Herzinfarkte, das heißt: bedauernswerte Mitmenschen, die just im Augenblick des Herzstillstandes am Steuer ihrer Wagen saßen.

Nun gehören kranke Menschen in die Sprechstunde eines Arztes, ins Bett oder in den häuslichen Lehnstuhl, nicht aber ans Steuer eines Automobils. Und mancher gute Freund würde heute noch am Leben sein, gäbe es ein Parallelgesetz zu den bekannten Vorschriften über Seuchen und Geschlechtskrankheiten, die jeden Arzt von seiner Schweigepflicht entbinden, wenn ahnungslosen Dritten offensichtliche Gefahren drohen.

Kranke am Steuer aber sind nicht meldepflichtig, wenngleich „die Zahl der Unfallverletzten mit 1700 pro Tag schon größer ist als die aller Seuchen oder andere meldepflichtige Krankheiten gefährdeten Personen“ (Professor Dr. Karl Heinrich Bauer).

So kann in Deutschland ein Epileptiker unangefochten durchs Gelände kurven. So ist es möglich, daß Schizophrene und Schwachsinnige munter um uns herumfahren. So geschieht es täglich, daß Diabetiker mit Dauerführerscheinen ausgerüstet werden. 35 000 insulinbehandelte Zuckerkranke, die mit plötzlichen Bewußtseinsverlusten rechnen können, haben bereits ihren Führerschein. Schließlich weiß man auch, daß Sehstörungen gerade bei Diabetikern besonders häufig beobachtet werden.

Würden diese Kranken am Steuer nur sich selbst gefährden, dann könnte uns egal sein, wohin und wie lange sie fahren. Ihre aktive Teilnahme am Straßenverkehr aber ist keine Privatangelegenheit. Hier sollte selbst eine ärztliche Schweigepflicht ihre Grenzen haben. Schon an der nächsten Straßenecke kann jedem von uns einer in die Quere kommen. Einer, der gar nicht wissen mag, wie lädiert sein körperlicher oder seelischer Zustand ist. Entdeckten doch die Ärzte im vergangenen Jahr mehr als 30 000 „neue“ Diabetiker, die nichts von ihrem Leiden wußten. Alte Autofahrer wissen meistens ganz genau, wann und wo ihre Fahrmaschine die letzte Reparatur überstand. Nur ihre eigenen Gebrechen kennen sie nicht annähernd so gut. Wer als Zwanzigjähriger im Vollbesitz seiner Sinne und Kräfte einen Führerschein erwarb, muß nicht mit vierzig und sechzig die gleiche Gesundheit haben. Man tut aber so, als hätte er sie.

Automobile müssen – ob ihre Fahrer wollen oder nicht – alle zwei Jahre zur technischen Überwachung vorgefahren werden. Das ist eine vielleicht lästige, aber sinnvolle Vorschrift. Der fahrende Mensch jedoch bleibt unbeobachtet zum Verkehr zugelassen und Zeit seines Lebens auch drauflosgelassen, egal ob er geistesgestört oder organisch am Ende ist, ob nachtblind oder taub.

Das war nicht immer so. Nach den Bestimmungen der Straßenverkehrsordnung vom 16. März 1928 mußte sich jeder Führerscheinbewerber ärztlich untersuchen lassen. Nicht Bonn hat die Vorschrift abgeschafft, sondern Berlin. Das war 1934. Aber Bonn hätte sie längst wieder einführen können. Zumindest für Kraftfahrer, die schon Unfälle verursacht haben. 40 Prozent aller Unfälle kommen nämlich auf das Schuldkonto von nur 4 Prozent aller Verkehrsteilnehmer. Und diese 4 Prozent sind vermutlich zum großen. Teil jene „Unfäller“, die irgendeine Krankheit mit sich herumschleppen.

Neue Vorschriften gegen Kranke am Steuer könnten eine Pioniertat für die Sicherheit sein, ein Geschenk an jede Versicherung und ein freier Nachmittag für alle Chirurgen.