Von René Drommert

Gottfried Sello hat es in seinem Anti-Platschek-Artikel (ZEIT Nr. 15, 9. April 1965) gesagt: „Jedes nach seinem Maß.“ Das heißt doch wohl, daß jede künstlerische Leistung nach dem Maß gemessen werden sollte, das in ihr selber liegt. Es wäre absurd, wollte man die Leistungen des Expressionismus nach den Maßen des Impressionismus, Kirchner oder Schmidt-Rottluff oder Nolde etwa am späten Monet messen, oder die gegenstandslose Malerei an der gegenständlichen.

Die Angemessenheit der Kritik wird von Sello postuliert. Auch Hans Platschek (ZEIT Nr. 13, 26. März 1965) forderte sie. Aber wir sehen, daß beide Kritiker unter Angemessenheit etwas Verschiedenes verstehen.

Ich bin überzeugt, daß, wo es sich um den 14-Wörter-Satz über den Don Quijote von Germaine Richier handelt, Sello recht, Platschek unrecht hat. Ich kann mir den gescheiten Polemiker Platschek bei diesem Irrtum nur psychologisch deuten: Er hat vor dem „Phrasenmüll“ (sein Ausdruck) heutiger Kunstkritik so wütend Reißaus genommen, daß er, obwohl er doch das Ufer der Redlichkeit erreichen wollte, blindlings auf dem steinigen Gestade der Ernüchterung gestrandet ist.

Der 14-Wörter-Satz sagt, so muß man Sello beipflichten, über das Künstlerische denn doch nichts aus, und ich meine, daß Platschek, wenn er sich wieder beruhigt (seine Erregung war im übrigen sehr ergiebig), das wohl auch noch selber zugeben wird. Allerdings bin ich gar nicht der Meinung Gottfried Sellos, wenn er seine Empörung begründet: „Der Satz ist überflüssig, weil er das sagt, was ohnehin jeder sieht.“ Als ob es nicht eine schwere Aufgabe wäre, das zum Ausdruck zu bringen, was jeder sieht!

Mit dem Phrasenmüll hat Platschek höchst temperamentvoll zunächst alles vom Tisch gefegt, was über eine technische Bemerkung („Die Plastik ‚Don Quijote mit dem Windmühlenflügel‘ ist an den Rand der Sockelplatte montiert“) hinausgeht.

Wir sehen nun Gottfried Sello (der sich irrt, wenn er meint, man könnte leicht Stilblüten auch auf Gottfried Sellos Acker einsammeln) bemüht, das Platscheksche Unrecht wieder gutzumachen. Hat Platschek mit dem Phrasenmüll auch die Interpretation der Plastik vom Tisch gefegt, so wird doch Sello, wenn er die Interpretation zurückholt, nicht auch den Phrasenmüll wieder auftischen?