Von Lutz Köllner

Anton Zischka: Welt ohne Analphabeten, Probleme und Möglichkeiten der Bildungshilfe, C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh, 352 Seiten, 24,– DM.

Die Fragen der Bildungshilfe für Entwicklungsländer haben bis vor wenigen Jahren zweifellos nur eine untergeordnete Rolle im Zusammenhang mit den überwiegend materiell verstandenen Problemen der Entwicklungshilfe gespielt. Dennoch sollte nicht übersehen werden, daß die UNESCO seit über fünfzehn Jahren ein weltweites bildungspolitisches Programm zu verwirklichen trachtet und daß Sozialpädagogen und Soziologen seit jeher auf die Bedeutung der Übermittlung nicht nur von technischem Wissen für die Entwicklungsregion der Weltwirtschaft hingewiesen haben. Wenn auch nationalökonomische Berater, etwa in den großen internationalen Finanzinstituten, die Wichtigkeit der Übertragung von „know how“ und finanziellen Mitteln zur Beseitigung des Analphabetentums in der Welt seit langem betonen, so muß die Übertragung von Schrift, Sprache und deren Inhalt wie Gehalt durchaus als ein besonderer Problemkreis der „kulturellen Hilfe“ angesehen werden. Über diesen weiten Bereich, der neben einer Darstellung der bisher beschrittenen praktischen Wege zusätzlich eine Analyse der sozialen Beweggründe und ideellen wie ideologischen Untergründe der Bildungshilfe herausfordert, gab es bisher keine ausführliche populäre und zugleich sachgerechte Darstellung.

Mit Interesse nimmt man daher das neue, ganz im modernen „Sachbuchstil“ aufgezogene Werk des wirtschaftspolitischen Publizisten Zischka zur Hand, um es bald wieder, angeregt, aber etwas enttäuscht, beiseite zu legen. Um es vorwegzunehmen: Dieses neue Werk aus der Feder eines renommierten Journalisten hätte eine schärfere gedankliche Durchdringung seines Themas verdient und in vielen Kapiteln wäre weniger mehr gewesen. Weiten Abschnitten merkt man dem Buch seine unreflektierte Herkunft aus einem sorgfältig geführten Zettelkasten des Autors an, so daß es kein Wunder ist, wenn tieferliegende Fragen wie etwa die nach der Rechtfertigung einer westlichen oder östlichen Bildungsmission unbeantwortet bleiben.

Der Kampf von Ost und West um eine neue Aufteilung der Welt im Zuge der Entwicklungshilfe und im Schatten des kalten Krieges bildet gewiß einen zugkräftigen Aufhänger für eine publikumswirksame Darstellung der bisherigen Fehlleistungen des Westens und der erkennbaren Fortschritte des Ostens bei der Verbreitung von Bildungsgütern und Zivilisationsabsichten. Das Recht auf Bildung bleibt aber solange eine hohle Forderung, solange es nicht in der Zusammenschau mit einer Vielzahl kultureller Ordnungselemente und deren Wandelbarkeit diskutiert wird. Der Verfasser hat das im Ansatz durchaus verstanden, und so bemüht er sich zunächst um ein Kompendium der Bildungs- und Unterrichtsgeschichte der kultivierten Welt von Lykurg bis zum westdeutschen Wissenschaftsrat, von Protagoras über Comenius, Dewey und Pestalozzi bis zur Einrichtung von Dorfschulen in Indien und im afrikanischen Busch.

Damit aber wird das Thema ebenso überzogen wie der Inhalt des Buches seinen Titel nur noch zum Teil rechtfertigt. Die Geschichte des abendländischen Bildungswesens ist das eine, die Problematik der Bildungshilfe für Entwicklungsländer ist das andere, aktuelle und vom Verlag gewiß nicht zu Unrecht als publikumswirksam angesehene Thema. Will man eine heterogene Behandlung beider Fragenkreise nebeneinander vermeiden, so muß man die Brücke schlagen zur vergleichenden Kulturgeschichte, zur Ideologienlehre, zur Sozialpädagogik und zur Reflexion über die Frage nach den Expansionsmöglichkeiten bewährter nationaler Erziehungssysteme und kulturkreisbezogener Bildungsinhalte auf andere Nationen und Kulturen. Verzichtet man auf dieses ebenso schwierige wie differenzierte Unterfangen, so muß ein bloßes Neben- und Nacheinander von zwar wissenswerten, doch untereinander unverbundenen bildungspolitischen Tatsachen die Folge sein.

Zischkas neues Buch ist dort am besten gelungen, wo es sich auf erkennbare und kenntlich gemachte Zusammenhänge zwischen der Geschichte des Bildungswesens und der Pädagogik sowie weiterer Erfolge neuer Formen von Wissensvermittlung beschränkt, wenn er zum Beispiel die Notwendigkeit einer einheitlichen Schrift und einer gemeinsamen Sprache (bei Kemal Atatürk oder Mao Tse-tung) diskutiert oder wenn er Lomonossows Pionierarbeit für die sowjetische Pädagogik würdigt. Kommt der Autor aber in die Nähe kulturvergleichender oder auch nur systemvergleichender Überlegungen, so beschränkt er sich auf Halbwahrheiten, die bedauerlich sind und auf die ein so kenntnisreicher Wirtschaftspublizist wie Zischka verzichten sollte („Die unaufhaltsame Ost-West-Annäherung“ oder „Japans wirtschaftliche Entfaltung: das erfolgreichste aller Entwicklungsvorhaben“).