Von Adolf Metzner

Die Boxer wissen es, und die Funktionäre leiden bitter darum – ihre Sportart ist die geschmähteste von allen und immer wieder erschallt der Chor der Rufer, die ganz einfach das Verbot des Boxens fordern. Der Grund? Es sei nichts anderes als erlaubte Körperverletzung und manchmal sogar erlaubter Totschlag. Dem Tod im Ring könne man aber nur dadurch beikommen, so meinen diese strengen Richter, daß man die Kämpfer aus dem mit Seilen eingesäumten Viereck, genannt Ring, für immer verbannt.

Aber wissen diese moralgetränkten Leute, welcher Sportart sie da eigentlich den Garaus machen wollen? Sie wissen es nicht, es ist nämlich schlicht gesagt die älteste der Menschheit. Die ach so edlen Griechen haben schon geboxt und gecatcht dazu, das hieß nur Pankration. Damals schon, im heiligen hehren Olympia, betrieb der Tod sein dunkles Handwerk im Ring. Die Boxer der Antike flehten zu Apoll, ihrem Schutzgott, daß er ihnen den Sieg schenken – vielleicht aber auch, daß er sie vor dem Tod bewahren möge.

Heute könnten sich die Boxer, wenn sie wollten, einen anderen Schutzpatron erküren. Lord Byron – den Dichter. Der zartsinnige Poet schrieb es in sein Tagebuch, daß er als Student. einen Kommilitonen im Ring des damals berühmten Boxers Jackson ausgeknockt habe. Lord Byron ein K.o.-Schläger, ein „Killer“, wie es heute heißt – das ist doch unmöglich?

Man sollte das Boxen nicht verbieten, sondern entschärfen, durch Schutzmechanismen wie luftgefüllte Handschuhe zum Beispiel. All jene, die den Faustkampf einfach polizeilich untersagen wollen, mögen sich zuerst einmal in die antiken Darstellungen des Boxens vertiefen, dann würden sie vermutlich einsehen, daß man eine männliche Passion, die trotz aller Gefährlichkeit und Härte doch auch humane Züge aufweist, da sie einst den Totschlag immerhin in einen Wettkampf sublimierte, nicht so mir nichts dir nichts verbieten kann. Das hat man mit negativem Erfolg auch schon mit der Mensur versucht! Und vielleicht sollten jene, die nach der Polizei rufen, sich erst einmal einem richtigen Boxtraining unterziehen, um festzustellen, daß es kaum ein besseres den ganzen Körper erfassendes Training gibt, bei dem Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit gleichermaßen geübt werden.

Das wußte offenbar auch der letzte deutsche Kronprinz, als er sich zum Entsetzen des Hofes vor dem Ersten Weltkrieg einen Boxlehrer engagieren. Übrigens gab es dann, in den vielgerühmten zwanziger Jahren natürlich, eine Reihe von Freundschaften zwischen Boxern und Dichtern – heute ist alles wieder fein säuberlich getrennt und eingeteilt: Hie Intellekt – hie Bizeps. Die Beziehungen damals zwischen Geist und Kraft waren voller Nuancen. Sie reichten vom Briefwechsel Bernard Shaws mit Gene Tunney – der immerhin dazu führte, daß sich beide einmal am Bieder See in Jugoslawien trafen – über Bert Brechts Schreibgemeinschaft mit Samson-Körner bis zur intimen Freundschaft Jean Cocteaus mit Battling Siki.

Aber wir wollten ja zeigen, wie alt das Boxen ist. Viel älter als Griechen und Römer.