Alle Jahre wieder: Sicherer als alle anderen klimatischen Anzeichen verkündet den Frühling der, neue „Michelin“, France, das Gebetbuch der Feinschmecker. Der Michelin 1965 ist soeben erschienen mit, wie üblich, dreisprachigen Erläuterungen. Und er wächst und wächst von einem Jahr zum andern. Voriges Jahr war er genau 1000 Seiten dick, heuer 1013. Voriges Jahr kostete er zehn Franc, heuer zwölf. Voriges Jahr kamen 525 Hotels und Restaurants als michelin-würdig hinzu, dafür mußten 412 ihren Güteplatz räumen. Heuer sind es insgesamt 6917 Hotels und 3175 Restaurants, davon nur 53 neue. Zwei bedeutende Neuerungen: Die Würde eines Dreisterne-Restaurants ist. wieder einmal verliehen worden – womit sich die Gesamtzahl dieser hochadligen Speisestätten auf zwölf erhöht. Dazu muß man wissen, daß die Verleihung eines Dreisterne-Status im Michelin etwa einer Wahl in die Académie Française gleichkommt...

Den Triumph trug die „Auberge de Paul Bocuse“ in Collonge-de-Mont-d’Or und damit stolz die Region Lyon davon, die seit uralten Zeiten im eifrigen einschlägigen Wettbewerb mit Paris selbst liegt, und überhaupt manchem als das wirkliche gastronomische Paradies Frankreichs gilt. In der Tat hat die Region Lyon mit diesem, neuen Dreisterner damit auf vier aufgeholt und liegt nun nur noch knapp hinter Paris (sechs Dreisterner). Kenner kommentierten sofort: „Eine gerechte Entscheidung, die keinen Eingeweihten überrascht, vielmehr längst fällig war.“ Paris wird dafür mit zwei neuen Zweisternern getröstet; auch acht neue Einsterner darf es verbuchen. Insgesamt: 62 Zweisterne-Restaurants, 564 mit einem Stern. (Drei Sterne: „Der Besuch ist allein die Reise wert“, zwei Sterne: „Einen Umweg wert“, ein Stern: „hervorragende Küche“.)

In der französischen Presse wird jeder neue Michelin, so auch diesmal, besprochen, wie eine Theaterpremiere. Ausführlich wird argumentiert oder nachgewiesen, warum diese und jene Bewertung zu Recht oder vielleicht auch zu Unrecht geschehen ist. Und „mit Genugtuung“ wird vermerkt, daß „La Côte d’Or“ in Saulieu beispielsweise, letztes Jahr unbegreiflicherweise eliminiert, heuer Gerechtigkeit mit zwei Sternen bekommen habe.

Sonst keine großen Veränderungen, es sei denn der wenig erfreuliche Aspekt, daß sich der Trend vom Vorjahr fortgesetzt hat: Trotz aller Stabilisierungsprogramme vermerkt der neue Michelin sowohl in Paris wie in der Provinz und obendrein „allgemein“ in allen Preisklassen einen „spürbaren“ Preisanstieg des gastronomischen Gewerbes. Weniger und weniger werden die Restaurants, die Menüs zu festen Preisen bis etwa zwanzig Franc anbieten. Die Fünfzehn-Franc-Klasse verkümmert ganz.

Die zweite eigentliche Neuerung des neuen Michelin aber ist das „M“, ein neues Zeichen, das, in einem kleinen Kästchen, einem Hotel besonders moderne Ausstattung bescheinigt. Etwa vierhundertmal ist das M verliehen worden: unter 6917.

Wie üblich, beruft sich der Guide auf viele Tausende von freiwilligen Mitarbeitern darauf, daß weder Reklameanzeigen (die es im Guide nicht gibt) noch sonstige Zahlungen, Bestechungen oder Machenschaften die Aufnahme eines Etablissements in den Guide begründen, und: daß ausschließlich qualitative Maßstäbe der Bewertung gelten. Aber im wesentlichen ist der Guide Michelin das Werk von zehn Leuten: den reisenden Prüfinspektoren der Autoreifenfirma.

Ihr Häuptling André Trichot ließ sich zu einem Interview herbei: „Das ist ein Beruf, sag ich Ihnen, nicht annähernd so beneidenswert wie man vielleicht glaubt. Jeder von uns reist 25 000 Kilometer pro Jahr. Und wer da mitmacht, muß – wäre der Vergleich nicht so schief – einen Roßmagen haben, ich will mal so sagen: ein Verdauungssystem, das jeder möglichen Belastung standhält.“ In der Region Lyon sei es am schlimmsten: da müsse jeder Inspektor zweimal täglich ein volles Diner zu sich nehmen, um bei der dichten Besiedelung dort mit guten Restaurants überhaupt durchzukommen. „Uns graut vor dem Wochenende, wenn wir heimkommen und unsere Frauen von uns erwarten, daß wir sie in ein Restaurant ausführen. Das ganze Jahr keine Hausmannskost: das will ausgehalten sein.“