C. J., Berlin

Zwölf Jahre Zuchthaus für Helmtrud Scharafinski, acht Jahre Zuchthaus für Harry Scharafinski“, so lautete das Urteil, das kürzlich vom Moabiter Schwurgericht ausgesprochen wurde. Es ist ein Urteil über einen Fall, der in Berlin zum Tagesgespräch wurde.

Dies sind die Fakten: Helmtrud Scharafinski, 26 Jahre alt, Mutter von sechs Kindern, war angeklagt, ihren jüngsten Sohn Christian, geboren am 7. Dezember 1962, gestorben am 23. Mai 1963, vorsätzlich getötet zu haben. Sie hatte das Kind verhungern lassen. Bei ihrem Mann, dem 28jährigen Heizer Harry Scharafinski lautete die Anklage auf „Kindesvernachlässigung mit Todesfolge“.

Die Akten zu diesem Prozeß sind geschlossen, der Gerechtigkeit ist wieder einmal Genüge getan – denn Leute, die ihr Kind verhungern lassen, sind Verbrecher und können nicht hart genug bestraft werden! Nur über jene, die mitschuldig sind, die im Grunde genommen auch zur Verantwortung hätten gezogen werden müssen, steht nichts in diesen Akten.

Die Hintergründe zu diesem Fall sind erschütternd: „Ratlos, entschlußlos, von der eigenen Mutter zur Unselbständigkeit erzogen, geistig am Rande des Schwachsinns“, so charakterisierte der psychiatrische Sachverständige, Dr. Spengler, die Angeklagte. Mit 18 Jahren hatte sie geheiratet, als sie ein Kind erwartete. Von 1957 bis 1962 bekam sie jedes Jahr ein Kind, im Abstand von 10 bis 14 Monaten. Die Scharafinskis hausten in einer Zweizimmerwohnung: schlecht heizbar, undichte Fenster, Toilette auf dem Hof, nicht einmal ein Ausguß in der Wohnung. Es war eine jener Behausungen, von denen Heinrich Zille gesagt hat: „Man kann auch mit einer Wohnung einen Mord begehen.“

Harry Scharafinski ließ sich von seiner Frau das Frühstück machen, die Schuhe putzen und lachte nicht daran, ihr Arbeiten abzunehmen. ‚Mir geht’s nicht so von der Hand“, sagte er im Gerichtssaal. Seinen Aufgaben als Familienvater war er eben nicht gewachsen, wie seine Frau ihren Aufgaben. Nur daß er die Tür hinter sich zumachen und fortgehen konnte. Als vor der Geburt des kleinen Christian die Wehen einsetzten, ließ er seine Frau nachts allein zu der zehn Minuten entfernten Telephonzelle gehen, um die Hebamme zu rufen. Nach den letzten beiden Geburten ist sie schon am Tage der Entbindung wieder aufgestanden, um ihre Familie zu versorgen.

Helmtrud Scharafinskis Eltern kümmerten sich anfangs um die junge Familie. Aber als dann drei Kinder da waren, meinten sie: wer so viele Kinder in die Welt setze, müsse auch selber zusehen, wie er damit fertig werde – und sie zogen sich zurück. Helmtrud Scharafinski hat versucht, damit fertig zu werden so gut es ging.