Von Dieter E. Zimmer

Legenden gehen, beflügelt von den Wünschen und Bedürfnissen der Allgemeinheit, ihren eigenen Weg. Nichts hält sie auf. Wer auf die Wahrheit deutet, die sie weit hinter sich gelassen haben, steht da wie ein mißlicher Querulant.

So wird es, fürchte ich, dem Physiker J. Robert Oppenheimer auf die Dauer wenig nützen, daß er begründete Zweifel an dem Oppenheimer-Bericht zu Gehör brachte, wie ihn Heinar Kipphardt in seinem Bühnenstück zeichnete. Nichts wird sein Einwand fruchten, daß Kipphardt ihn „Dinge äußern läßt, die meine Meinung weder waren noch sind“.

Während der tatsächliche Oppenheimer sich wohl im klaren war über die unausdenkbar fürchterlichen Konsequenzen seines Tuns, sein Möglichstes tat, ihnen durch unbeirrbares Eintreten für eine internationale Atomwaffenkontrolle, durch beharrliche Warnungen vor jeder Verharmlosung der Gefahr entgegenzuwirken – und doch weder nach Hiroshima noch nach der Loyalitätsuntersuchung bereuen konnte, was er getan hatte: jenes Schlußwort, auf das Kipphardts Stück zuläuft, hat er nie gesprochen.

Denn sein Problem war es nicht, jahrelang vorsichhinzuarbeiten und dann plötzlich zur Einsicht, zur Reue und Umkehr bewogen zu werden. Es handelte sich für ihn nicht um die vorübergehende Verkennung des Richtigen. Sein Problem vielmehr war es, das Furchtbare mit Bewußtsein zu tun, weil er es gleichzeitig als das Notwendige und Richtige empfand. Im Krieg arbeitete er an der Atombombe, weil damit die Vereinigten Staaten den Nazis zuvorkamen; nach dem Krieg, weil für ihn die Bedrohung durch die Sowjetunion niemals eine Chimäre war. Politik und Moral – er konnte sie nicht vereinbaren: seine Phantasie war groß genug, sich die Leiden auszumalen, die seine Forschungsarbeit nach sich ziehen könnte, und sein politischer Verstand zwang ihn dazu, sich vorzustellen, was die Folge wäre, wenn er sie unterließe. Das war sein ungelöstes Drama, und darum ist sein Fall so bedeutend und exemplarisch, wenn eine der Hauptkrankheiten dieser Zeit diagnostiziert werden soll. Aber das fügte sich nicht in Kipphardts Konzept.

Anläßlich der Pariser Aufführung von Jean Vilars Dramtisierung jener Loyalitätsuntersuchung habe ich (DIE ZEIT Nr. 1/65) einiges angemerkt über die Mißlichkeiten eines szenischen Journalismus, wie Kipphardt ihn uns vorführt – über die Fragwürdigkeit eines dramatischen Zwittergenres, das sich für seine mangelnden literarischen Qualitäten entschuldigt mit dem Respekt vor den Fakten (in diesem Fall dem vorliegenden, tausendseitigen Protokoll der Verhandlung), und die Freiheiten, die es sich mit diesen Fakten dennoch nimmt, mit den Erfordernissen der Literatur rechtfertigt: Vorwort und Nachwort im Widerspruch zueinander, Leser und Zuschauer verwirrt und zu einem Urteil über tatsächliche Vorgänge eingeladen, die ihnen – in noch so guter Absicht – doch nur entstellt vorgeführt werden. Ich zöge Klarheit vor: Entweder die peinlich getreue Rekonstruktion der Tatsachen, also das Dokument, oder, besser noch, das eigene Gedankenwerk, das sich von dem historischen mit allen seinen das Hauptthema nur verunklärenden Zufälligkeiten völlig trennt.

Das ist meine Meinung nach wie vor, auch wenn die Versuchung groß ist, Einwände dieser Art angesichts einer sehr genau durchdachten und exzellenten Aufführung zu vergessen.