Phantastische Geschichten im Thyssen-Bank-Prozeß

Von Lutz Lehmann

Berlin im April

Der Schlagzeilen-gewohnte Baron, dessen vornehmer Familienname das Mammut-Verfahren ziert, spielte in der Hauptverhandlung keine entsprechende Rolle. Nur einmal im Dezember letzten Jahres erschien Hans-Heinrich Thyssen-Bornemisza als Zeuge vor der 8. Strafkammer in Berlin-Moabit, um zu bekunden, daß er als Vorsitzer ebenso wie alle Mitglieder des Aufsichtsrats der August-Thyssen-Bank-AG in Düsseldorf bis zur Aufdeckung des 18-Millionen-Lochs in der Kasse seiner Berliner Niederlassung von allem nichts geahnt habe.

Das Hauptverfahren, das sich über 50 Verhandlungstage im Saal 500 im ersten Stock des Kriminalgerichts in der Turmstraße dahinschleppte, lief unter der preußisch-schlichten Amtsbezeichnung „Geschäfts-Nummer 1 Bt KLs 9/64 gegen Gericke u. A. In dem Prozeß unter diesem kargen Signum ging es immerhin um 1,7 Milliarden Mark, die auf unorthodoxe Weise „bewegt“ worden sind Die Große Strafkammer unter Landgerichtsdirektor Pahl sah sich mit zwei Staatsanwälten, drei medizinischen und drei Buchsachverständigen, mit neun Verteidigern und sieben Angeklagten konfrontiert, von denen sich der 37jährige Karl-Heinz Wemhoff ebenso zur Zentralfigur wie zum enfant terrible der Szene entwickelte.

Nun sind nach fünf Monaten Hauptverhandlung hohe Zuchthausstrafen gegen die Hauptangeklagten verhängt worden, aber in Moabit wird man die in etwa 50 Leitzordnern abgelegten Prozeßakten noch lange nicht in den Keller stellen können. Revision ist angekündigt, zwei abgetrennte Verfahren zum gleichen Komplex gegen mehrere andere Angeklagte stehen noch aus, und ein ganzer Rattenschwanz von Straf- und Zivilverfahren der beteiligten Banken und der Angeklagten untereinander werden der Justiz vermutlich noch jahrelang Gelegenheit geben, den verschlungenen Wegen ungedeckter Schecks und dem Verbleib zerronnener Millionen nachzuforschen.

Was auf den Tag genau drei Jahre vor Prozeßbeginn, am 9. November 1961, die Berliner Zeitungen noch zurückhaltend und einspaltig aufgemacht als „Mysteriöse Bankaffäre in Westberlin“ vermeldeten, hat sich als ein ökonomisches Sumpfgebiet erwiesen, in dem nicht nur die Angeklagten, sondern auch ein gutes Stück des Ansehens der Banken als zuverlässig-seriöser Geldinstitute versunken sind. Jener Karl-Heinz Wemhoff, der während des Prozesses als Contergan- und Justizgeschädigter soviel von sich reden machte, hat in dreijähriger Untersuchungshaft den Stoff zum Filmdrehbuch verarbeitet und Titelschutz angemeldet für „Im Teufelskreis der Garantien – Gangster, Banker und Bazookas...“