Sicher hätte der Freiherr von Münchhausen das größte Vergnügen an all jenen Geschicken, die in den letzten Wochen über das Farbfernsehen erzählt worden sind; denn Konkurrenz soll dem Baron aus Bodenwerder immer willkommen gewesen sein. Selten jedenfalls ist eine sachliche Konferenz mit soviel, unsachlicher Begleitmusik versehen worden, wie die internationalen Beratungen über das künftige Farbfernsehsystem für Europa, die letzte Woche in Wien zu Ende gingen.

Es ist schwer, das aus technischen Erfindungen, nationalem Prestige, politischem Ehrgeiz und nicht zuletzt wirtschaftlichen Interessen geschlungene Knäuel zu entwirren. Schließlich schienen sogar die Delegierten aus 30 Ländern selbst so verwirrt, daß sie auseinandergingen, ohne einen Beschluß zu fassen. Das Rennen, um eine europäische Farbfernsehnorm ist weiterhin offen.

Zwölf Jahre nachdem die Amerikaner ihre erste Bekanntschaft mit dem Farbfernsehen gemacht haben, sollen nun von 1967 an auch in Westeuropa die Mattscheiben bunt flimmern.

Jahrelang hätte es in Amerika so ausgesehen, als sei das Farbfernsehen ein Spaß für einige wenige. Der Boom kam 1964. In diesem Jahr verkaufte die Industrie 1,4 Millionen Geräte und trieb damit die Zahl der Farbfernseher zum Jahresende 1964 auf 2 860 000. Der Boom kam mit den niedrigen Preisen. Im letzten Jahr offerierte die Radio Corporation of America (RCA) erstmals ein Gerät für 399 Dollar. Sears & Roebuck, das größte Versandhaus, bietet japanische Geräte sogar schon für 299 Dollar an. Vor zehn Jahren mußten die Käufer noch 1000 Dollar auf den Tisch legen.

Damit war das Eis gebrochen. Der Käufersturm, der letztes Jahr einsetzte, hält an. In den ersten beiden Monaten dieses Jahres wurden 75 Prozent mehr Farbfernseher verkauft als in der gleichen Zeit des Vorjahres. Und die Hersteller sind überzeugt, daß sie in diesem Jahr mehr als 2,2 Millionen Geräte verkaufen könnten, wenn es mehr Bildröhren gäbe. Doch die Röhrenproduzenten arbeiten schon in drei Schichten rund um die Uhr.

Trotz dieses Engpasses wird der Umsatz von Farbfernsehern mit 1,2 Milliarden Dollar in diesem Jahr erstmals über dem Umsatz von rund 1,1 Milliarden Dollar für Schwarz-Weiß-Geräte liegen. An weitere Preissenkungen glauben die Amerikaner nicht mehr. „Die Preise haben sich stabilisiert“, meinte ein RCA-Sprecher.

Der Farbfernsehboom ist der Lohn dafür, daß David Sarnoff, Generaldirektor der RCA, stur an seinem Plan festhielt und auch nicht aufgab, als das RCA-System bei der ersten Vorführung durchfiel. Mit der Verbissenheit eines Fanatikers steckte er 130 Millionen Dollar in die Entwicklung des Farbfernsehens, bis schließlich das RCA-System als amerikanische Norm anerkannt wurde.